Von Martin Merz

Pilger, laufend: diese hier zu den Kirchen Osnabrücks. Füße und Beine der Skulptur von Franz Brune vermitteln Dynamik, zielgerichtete Bewegung. Installiert auf einem Hügel in Stadtnähe, quer zu einem ausgetretenen Weg, "laufen" sie zu den Heiligtümern. Beine und Füße finden sich innerhalb der Stadt wieder, sie stehen am Fluß, aufrecht, sind zur Ruhe gekommen, lassen stille Betrachter erahnen. In deren Blickfeld, jenseits des Flusses, steht breit und mächtig der Dom. Pilger sind erst am Ziel, wenn sie durch das Tor ins Heiligtum eintreten. Das Kunstwerk bleibt draußen.

Kunst in der Kirche war einmal selbstverständlich. Zeitgenössische Künstler aber meiden die verwaltete Religion, die Dogmen und ihre Hüter. Sie pochen auf Autonomie. Und die Kirche fürchtet die Künstler und ihre Individualität; sie möchte geoffenbarte Wahrheit in schönen Bildern dargestellt haben. So holt sie sich meist das Mittelmaß in die sakralen Räume, das Angepaßte, das Niedliche. Es regt niemanden auf und nichts an.

Aber Kunst und Kirche liegen nicht in offenem Streit miteinander. Sie haben sich gegenseitig aufgegeben. Ja, wenn Bilderstürmer das Heilige vor gegenständlicher Vergötzung retten wollten: "Du sollst dir kein Bildnis machen..."; oder wenn, auf der anderen Seite, Künstler gegen die Leiern der Kultmühlen und Glaubenssätze revoltierten – wenn beide Seiten sich noch ernst nähmen, vielleicht entdeckten sie, im Zorn, wie verwandt ihre Seelen sind. Nichts davon.

Dabei stelle die Kunst "aufregend religiöse Fragen", spüre der Künstler "eine spirituelle Not in der Bildfindung", meint Friedhelm Mennekes, kunstversessener Theologe und Gemeindepfarrer. Der Jesuit betreibt die "Kunst-Station St. Peter Köln". Eingedrungen in die kirchenfremde Welt zeitgenössischer Kunst, fühle er sich "wie einst ein Missionar in China", aber es gehe ihm nicht um Bekehrung, sondern um "interkulturelle Begegnung". Nur in der Anerkennung der Trennung könnten Berührungen gelingen, aber dann finde auch "Befreiung in eine neue Kultur statt, wie ein Reisender in der Fremde Neues erfährt und sich neu versteht".

Mennekes bittet Künstler in seine Kirche, holt ihre Werke herein, hängt ihre Bilder, vor allem Triptychen, an den traditionellen Ort: hinter den Altar. Und hat Erfolg damit. Die Kirche läßt ihn, den "Exoten", gewähren, eine aufgeschlossene Gemeinde hat sich eingefunden, bekannte Künstler kommen.

Gut, hier hat sich, schon von vielen entdeckt, geachtet und bestaunt, ein Übergang aufgetan, ein Dialog findet statt. Aber es ist ein Provisorium. Denn die Kunstwerke bleiben nicht in der Kirche, richten sie nicht ein, sie verlassen die "Station" wieder. Ist mehr möglich? "Das Ziel für die Zukunft", sagt Mennekes, "muß so etwas sein wie die Pax-Christi-Kirche in Krefeld."