Im übrigen hatte die Wahrheit immer ihren Preis. Oder, mit dem polnischen König Johann Sobieski zu sprechen, der aus dem Heerlager die Gemahlin in der Heimat brieflich damit beauftragte, auch ja darauf zu achten, daß seine Ruhmestaten im Kampf gegen die Türken angemessen gefeiert werden: „Man muß die Zeitungsschreiber besser bezahlen, um sie auf diese Weise dazu zu bringen, mehr die Wahrheit zu schreiben.“

Die Wahrheit, nichts als die Wahrheit. Womit wir ganz übersichtlich bei der Frage sind:

Was aber verwirrt den Leser?

Hier sind vor allem die verantwortlich Tätigen gefragt. Hier waren schon immer – und nicht erst seit jener seltsamen Bonner Pressezügelungsgeheimkonferenz Ende April – die verantwortlich Tätigen gefragt. Wie oft wurden ihre Anliegen verzerrt dargestellt, sie selber auf das pöbelhafteste verdächtigt, Unterstellungen in Umlauf gebracht – das alles, darauf haben sie, ob Fürst, ob Präsident, ob General, ob Parteichef, ob Wirtschaftsführer, schon immer hingewiesen, das alles verwirrt die Bürger, zersetzt die Ordnung. Der Leser weiß plötzlich nicht mehr, wo hinten und vom, wo oben und unten ist. Hier gilt es, behutsam zu sein. Sehr richtig schreibt genannter von Beust, Verwaltungsrechtler aus Jena: „Es gehöret sich, daß ein Zeitungsschreiber von gesalbten Köpfen mit der gehörigen Ehrerbietung schreibe.“

Man kann natürlich, wie es zum Beispiel Kurfürst Karl Ludwig von der Pfalz tat, Zeitungsenthusiast, das Blatt gleich selbst herausgeben: eine probate Technik, die noch heute in vielen Ländern, auch dort, wo die Monarchie vielleicht fortschrittlicherweise durch eine Partei- oder Militärdiktatur abgelöst wurde, auf das Glückhafteste Anwendung findet und schon viel Frieden gestiftet hat. Und nicht nur als Herausgeber, als Verleger – auch als Zeitungsautoren haben verantwortlich Tätige Hervorragendes geleistet. General Blücher etwa, um nur seiner zu erwähnen, ließ sich und seine Armee von einer ganzen Druckerei begleiten (Fa. Gottfried Hayn, Berlin), auf zwei vierspännigen Wagen; so kam der Schlachtbericht, die Toten waren noch recht warm, per Feldzeitung frisch unters Volk.

Vor allem aber Exminister, Expräsidenten waren, sind!, stets begehrte Mitarbeiter. Ihre ruhige, aus tiefer Erfahrung klangvoll sich speisende Sprache liebt der Leser, hier verwirrt ihn nichts, hier bleibt alles, wie es ist. Und einmal dem Pulsschlag der Macht ganz nah ...

Das ist schön. Das prickelt und beruhigt zugleich. Darauf vor allem hat der verantwortliche Redakteur zu achten. Ein feuriger junger Kollege bei einer großen deutschen Tageszeitung schrieb einst vor vielen, vielen, vielen Jahren in einem Kommentar den interessanten Satz: „Abrüsten ist das Gebot der Stunde.“ Als er am nächsten Tag das Blatt aufschlug, stand, zu seiner großen Freude, der Satz tatsächlich da, druckfehlerfrei und sogar noch um einige Worte reicher: „– bleibt aber gleichwohl ein gefährliches und problematisches Spiel“. Zornesvoll lief er zum Chef-Redakteur – doch der erklärte ihm nur väterlichen Blicks, dieser Aspekt habe in seinem Kommentar ganz einfach gefehlt, und man dürfe die Leser nicht verwirren.