Von Rudolf Walter Leonhardt

Ist "Frauenleben im 18. Jahrhundert" ein Thema? Ist es ein gutes Thema? Ist es ein Thema, das sich behandeln läßt, indem man aus Briefen, Büchern und Traktaten weiblicher wie männlicher Autoren kurze Stücke, selten mehr als eine Seite, herausschneidet und neu zusammenklebt?

Jede/r wird in dem von Frau van Dülmen herausgegebenen Buch das eine oder andere finden, was sie oder ihn interessiert. Freilich sah sich im 18. Jahrhundert niemand dieser Drohung des Verbalsexismus (jede/r, sie oder ihn) ausgesetzt, die dem, der nicht kränken will, das Schreiben so mühsam macht. Aber sonst? Ein Bild vom Leben der Frauen im 18. Jahrhundert gewinnen wir nicht.

Das hat, von der Zufälligkeit einer solchen Auswahl einmal abgesehen, vier Gründe, an denen die Herausgeberin keine Schuld trägt. 1. So mancher 1750 datierte Brief hätte auch 1650 oder 1850 geschrieben werden können. "Das 18. Jahrhundert" ist eben, Aufklärung hin, Romantik her, keine in sich geschlossene Epoche, die den Frauen (oder Männern) besondere Verhaltensweisen aufgenötigt hätte. 2. Willkürlich wie der Zeitraum ist der Lebensraum begrenzt. Lebten Frauen in Frankreich, Italien, Polen, Dänemark anders? 3. Auch von den Deutschen kommt allenfalls ein Zehntel zu Wort, nämlich die, die lesen und schreiben konnten, also der gehobenen, auch wohlhabenderen Gesellschaft zuzuordnen sind. Es fehlt dadurch eine ganze Schicht, die größte: Gesinde, Kleinbauern, Arbeiter. 4. Die Welt hat sich in den letzten fünfzig Jahren mehr geändert als in den fünfhundert Jahren davor. Zu fragen wäre, ob und inwieweit das auch für den Charakter der Menschen gilt.

Am stärksten berührt hat mich der 1798 datierte Brief einer Elisabeth Eleonore Bernhardi: "Von unserer ersten Jugend an, haben sie [vermutlich: die Eltern] kein größeres Intereße als uns zu verheirathen; und wenn die Anträge ausbleiben, auf welche sie hofften, wenn sich die Wahrscheinlichkeit zur Erfüllung ihrer und unserer Wünsche vermindert, sind wir ihnen eine Last und der Gegenstand ihres drückendsten Kummers."

Rudimente solcher Gefühle soll es immer noch geben. Auch ist "alte Jungfer" noch heute kein Schmeichelwort. Aber wie sehr eine Frau ohne Mann und Kinder damals als Naturkatastrophe galt, können wir uns Gott sei Dank nur noch schwer vorstellen. "Alte Jungfer" war das Schlimmste. Aber auch das Dasein einer Witwe oder einer geschiedenen Frau war schlimm. Vor allem lag das an der inzwischen ja ausreichend diskutierten ökonomischen Stellung der Frau ohne Rente, ohne Alimente, ohne eigenen Beruf.

Mit dem Beruf fing es allerdings gerade im 18. Jahrhundert an, sich zu ändern – wahrscheinlich die für jene Zeit spezifischste Änderung gesellschaftlichen Denkens. Die ersten staatlichen Schulen wurden eingerichtet; Lehrerinnen wurden eingestellt. Unter den von Andrea van Dülmen Aufgespürten gab es sogar schon eine Vizedirektorin. Und am 25. August 1787 wurde Dorothea Schlözer von der Universität Göttingen zum Dr. phil. promoviert.