Es wird schwer sein, die Lücke an der Spitze der IG Metall zu schließen. Und doch war der Rücktritt Franz Steinkühlers die einzige Chance, den Schaden für die Organisation in Grenzen zu halten. Mit seinen dubiosen Aktienspekulationen hat der Chef der größten Einzelgewerkschaft der Welt nicht nur sein eigenes Ansehen, sondern auch das der IG Metall und der Arbeitnehmervertretungen insgesamt beschädigt.

Allein der Kauf von Papieren eines Unternehmens, in dessen Aufsichtsrat man sitzt, ist ein Verstoß gegen politischen Anstand und Moral – Werte, die Gewerkschafter wie Steinkühler stets besonders hoch gehalten haben. Fatale Folgen könnten die Geschäfte des Metallers auch für den Respekt vor der Mitbestimmung haben. Sollte ihm außerdem ein Verstoß gegen Insiderregeln nachgewiesen werden, dann hätte Steinkühler eine Idee verraten, für die Gewerkschaften erbittert gekämpft haben – nicht zum Wohl einzelner Funktionäre, sondern zum Wohl der Beschäftigten.

Verraten aber hat der Chef der IG Metall vor allem jene, denen er Macht und Mittel für derartige Börsengeschäfte verdankt. Wer sich verhält wie einer von denen, die in den Reden zum 1. Mai noch immer als Klassenfeind herhalten müssen, und wer damit demonstriert, wie weit er sich schon von den Mitgliedern entfernt hat, muß Konsequenzen ziehen. Die Kluft zwischen ihm und denen, die er vertreten sollte, war zu groß geworden. Auch der Vertrauensbeweis der Funktionäre, um den Steinkühler noch am Tag vor dem Rücktritt warb, hätte sie nicht überbrücken können.

Der Mann, dessen vielgerühmte Fähigkeiten zu strategischem Denken und politischem Weitblick bei seinem persönlichen Handeln offenbar versagten, wird für die Organisation nicht leicht zu ersetzen sein. Sein Nachfolger soll nach der Sommerpause auf einem außerordentlichen Gewerkschaftskongreß gewählt werden. Und weil eben in der IG Metall bisher stets der Stellvertreter dem scheidenden Vorsitzenden gefolgt ist und der schwerfällige Apparat sich aus dieser Tradition vermutlich nicht wird lösen können, dürfte wohl Klaus Zwickel das schwere Erbe antreten.

Der langjährige Weggefährte Steinkühlers hat sich als Tarifpartner einen Namen erworben, als Vordenker und Initiator neuer Ideen ist er bislang nicht aufgefallen. Das aber sind Qualitäten, die der Mann an der Spitze der IG Metall gerade in diesen schweren Zeiten braucht. Mitgliederschwund und überholte Gewerkschaftsstrukturen, Arbeitslosigkeit und Konjunkturkrise, Standortkonkurrenz in Osteuropa und Binnenmarkt, notwendige Veränderungen in Sozial- und Tarifpolitik – das sind nur einige der Probleme, die vor den Gewerkschaften liegen.

Steinkühler hat vieles im Alleingang bewältigt, unterstützt nur von einem kleinen Kreis Vertrauter. Er war Motor in der Tarifpolitik und bei der Humanisierung der Arbeit, beim Ausbau des sozialen Netzes und der sozialen Flankierung der deutschen Vereinigung. Doch in der Gewerkschaft hat diese Fixierung auf eine Person viele Mitarbeiter frustriert und demotiviert. Sein Nachfolger hat deshalb jetzt eine große Chance: Wenn er die innergewerkschaftliche Debatte wieder pflegt und Teamarbeit fördert, könnte er den verkrusteten Apparat aus der Erstarrung lösen. Nur mit einem funktionierenden Team läßt sich das Vakuum an der Spitze füllen, nur so kann die IG Metall das Abrutschen ins Mittelmaß und damit in die Bedeutungslosigkeit verhindern. Eine schwache IG Metall aber, die als Tarifpartner versagt, wäre eine Gefahr für den sozialen Frieden und die ganze Gesellschaft in Deutschland. (Siehe auch Seite 25) Erika Martens