Von Hans Otto Eglau und Mario Müller

Es war der dritte Fall, der offenbar den letzten Anstoß für den Rücktritt des IG Metall-Vorsitzenden gab. Franz Steinkühler hat nicht nur von Aktien der Mercedes-Automobil-Holding (MAH) und des niederländischen Flugzeugherstellers Fokker profitiert, wie er am Montag in einem Brief an die ehrenamtlichen und hauptamtlichen Funktionäre zugegeben hatte. Schon 1985 soll der Gewerkschaftschef ein feines Gespür für einträgliche Kursentwicklungen bei AEG bewiesen haben.

Als in jenem Oktober die Daimler-Benz AG erstmals in nennenswertem Umfang Aktien des maroden Elektro-Unternehmens übernahm, nutzten – so der Verdacht – etliche frühzeitig eingeweihte Insider ihr Wissen zu einträglichen Spekulationsgeschäften aus. Nur einer wurde erwischt: der damalige AEG-Aufsichtsratsvorsitzende Klaus Kuhn. Unter anderem wurde seinerzeit auch überprüft, ob Franz Steinkühler seine als Aufsichtsratsmitglied der Daimler-Benz AG erworbenen Kenntnisse zu Nebeneinkünften genutzt hat.

Doch gegen ihn waren die Ermittler der Insider-Kommission seinerzeit offenbar machtlos. "Fragen Sie doch einmal Herrn Steinkühler, ob er die Insider-Richtlinien unterschrieben hat", meint Friedrich-Karl Freiherr zu Megede, der heutige Vorsitzende der Insider-Prüfungskommission der Frankfurter Wertpapierbörse, lakonisch. Diese Unterschrift haben bislang die meisten Arbeitnehmervertreter in den Aufsichtsräten ganz bewußt verweigert, weil sie sich gegenüber den Mitarbeitern des betreffenden Unternehmens keinen Maulkorb umhängen lassen wollen. Wenn diese Unterschrift von Bankern, Managern und Börsianern unter dem freiwilligen Comment aber fehlt, sind den Ermittlern der Insider-Kommission die Hände gebunden. Denn einer Regelverletzung kann sich nur schuldig machen, wer sich den Regeln freiwillig unterworfen hat. Außerdem, so Megede, sei der Fall AEG verjährt.

Trotzdem reagierte Steinkühler empfindlich, als die Passauer Neue Presse kürzlich den AEG-Verdacht wiederholte, und erwirkte eine einstweilige Verfügung gegen das Blatt. Am vergangenen Dienstag wunderte sich der stellvertretende Chefredakteur Friedemann Diederichs über ein Fax, in dem Steinkühler erklärte, er verzichte auf seine Rechte aus der einstweiligen Verfügung. Was Diederichs nicht wußte: Kurz zuvor hatte Steinkühler nach Informationen aus Gewerkschaftskreisen eingeräumt, doch an einem Handel mit AEG-Aktien beteiligt gewesen zu,sein. Damit war sein Versuch, noch einmal das Vertrauen der Kollegen zu gewinnen, noch schwieriger geworden. Da warf er selbst das Handtuch.

In jedem Falle befindet sich der Metaller mit seinen Spekulationen in bester Gesellschaft. Denn an den Börsen pfeifen die Spatzen seit langem von den Dächern, daß drunten auf dem Parkett Geschäfte, bei denen Informationsvorsprünge in Gewinne umgemünzt werden, gang und gäbe sind. "In jedem zweiten Fall ist ein Insider am Ball." Zu diesem niederschmetternden Ergebnis kam der Betriebswirt Harald Schulz bereits in den siebziger Jahren, als er im Rahmen seiner Doktorarbeit die Kursverläufe von Brauerei-Aktien untersuchte. Und in einer aktuellen wissenschaftlichen Untersuchung, deren Ergebnisse erst in den nächsten Tagen in der Zeitschrift für Bankrecht und Bankwirtschaft veröffentlicht werden, kommen die Autoren Reinhart Schmidt und Sönke Wulff zu der Schlußfolgerung, daß "insbesondere bei positiven Ereignissen ein reger Insiderhandel nicht ausgeschlossen werden kann". Wo es für Insider etwas zu verdienen gab, ermittelten Schmidt/Wulff empirisch "einen Insiderhandelsverdacht in 20 Prozent aller Fälle".

Ob die mit dem Fall Steinkühler/Mercedes-Automobil-Holding (MAH) befaßte Insider-Prüfungskommission dem gestürzten IG-Metall-Chef Insiderwissen nachweisen oder undichte Stellen im Kreis der Eingeweihten aufdecken kann, ist nach allen bisherigen Erfahrungen mehr als zweifelhaft. Als Steinkühler am 18. März seine erste Kauförder erteilte, waren nach Angaben des Vorstandsvorsitzenden von Daimler-Benz, Edzard Reuter, formal nicht mehr als acht bis zehn Personen eingeweiht. Anfang November vergangenen Jahres hatte erstmals eine kleine Runde über eine Fusion zwischen Daimler-Benz und der 1975 aus dem Daimler-Paket der Familie Flick entstandenen Holding diskutiert. Beteiligte: Konzernchef Edzard Reuter, sein Finanzkollege Gerhard Liener, zwei Daimler-Direktoren (Finanzen und Rechnungswesen) sowie MAH-Vorstand Johannes Semler. Über ihre Pläne informierten sie wenig später die Aufsichtsratsvorsitzenden beider Gesellschaften: für Daimler-Benz Hilmar Kopper (Deutsche Bank), für die Mercedes-Holding Marcus Bierich (Bosch). Ein heißer Börsentip war das Projekt damals jedoch kaum: Der Aktientausch sollte erst 1995 oder 1996 stattfinden. Auch als Reuter und Semler ihren Zeitplan plötzlich änderten, wurde die Arbeitsgruppe nur geringfügig größer: Kopper stellte für das Expertenteam den stellvertretenden Direktor seiner "Abteilung für Konzernentwicklung" ab, Reuter zog seinen Chefjuristen und Semler das zweite MAH-Vorstandsmitglied Hans-Joachim Fonk ins Vertrauen. Der Verschmelzungsplan, so legte die Runde am 16. März fest, sollte den Aufsichtsräten beider Unternehmen am 25. Mai, dem Vorabend der Daimler-Hauptversammlung, vorgelegt werden.