Von Ludger Heidbrink

Nach dem Scheitern des Sozialismus haben Bücher über das Ende der Geschichte, der Utopie und globaler Gesellschaftsprojekte Konjunktur. Auch der Essay von Heinz Abosch schwimmt auf dieser Publikationswelle mit. Was ihn jedoch von der Mehrzahl der gegenwärtigen Veröffentlichungen unterscheidet, ist die eigentümliche Ratlosigkeit und Unzufriedenheit, die er hinterläßt.

In einem rasanten Lauf durch die Geschichte verfolgt Abosch die Perversionen der utopischen Gesellschaftsentwürfe, das, was Hegel so einprägsam die "Furie des Verschwindens" genannt hat. Abosch zeichnet den Übergang der Französischen Revolution in den jakobinischen Terror nach, legt die inneren Widersprüche des Marxismus frei und zeigt, daß dessen quasireligiöse Revolutionsbotschaft in Lenins und Stalins machtpolitischen Verschwörungsphantasien fortlebte.

Es ist das alte Thema vom Umschlag der Aufklärung in Unterdrückung, der Verwandlung von Vernunft in Unvernunft durch die gewaltsame Unterwerfung der Geschichte. Abosch geißelt sowohl die Heilsvisionen der Utopisten als auch die reaktionäre Vergangenheitssehnsucht, wie sie in den gerade für Deutschland charakteristischen Träumen vom starken Staat und der auserwählten Nation zum Ausdruck gekommen sind. Der Nationalsozialismus erscheint so als konsequente Fortsetzung einer modernitätsfeindlichen Gegenaufklärung, aber auch der illusionären Umsturzhoffnungen marxistischer Herkunft, die an den sozialdemokratischen Gesellschaftsreformismus weitervererbt wurden.

Das verhängnisvolle Widerspiel von Aufklärung und Gegenaufklärung dauert, Abosch zufolge, in der Gegenwart an. Auf der einen Seite sieht der Autor, als Resultat der Klassenumschichtung und Verbürgerlichung, eine technokratische Elite, die mit den Mitteln von Wissenschaft, Bürokratie und Medien rücksichtslos ihre Machtinteressen durchsetzt, während er auf der anderen Seite die Ideologen einer neuen Restauration ausmacht, die die Fehler der Vergangenheit zu beschwichtigen suchen und lautstark die Führungsrolle Deutschlands ausrufen. Zwischen diesen beiden Polen mache sich eine politische Lethargie der Massen breit, die einem fröhlich-zynischen Konsumrausch verfallen seien und zudem vollständig unter der Diktatur des Fernsehens stünden.

Spätestens an dieser Stelle kippt die Gegenwartsdiagnose in ein kulturkritisches Lamento um, in dem alles mit allem vermengt wird: die Seifenoper und das Sektenwesen, der Autoverkehr und die desolate Lage der Intelligenz, Unterhaltungsindustrie und Umweltzerstörung. Die Aneinanderreihung von Stereotypen, mit denen die angebliche "Banalisierung" der Welt durch die Medien beschrieben wird, verrät dabei weniger über die Verfassung der Gegenwart als über den Standort des Autors: Es ist, im Kern, die Position der Enttäuschung über die Uneingelöstheit der utopischen Versprechen, die Resignation über die Dummheit einer Zeit, die keine Ideale und Ziele mehr kennt und sich, scheinbar endgültig, einem Genuß des Mittelmaßes hingegeben hat, statt weiterhin auf mögliche Veränderungen zu hoffen und "kritisch" mit dem Erreichten (und Verlorenen) umzugehen.

Es ist diese Enttäuschung, und des öfteren spricht Abosch von Trauer und Melancholie, die Skepsis als einzigen Ausweg übrigläßt. Denn der Skeptiker ist im Grunde ein resignierter Utopist, ein vom Glauben Abgefallener, der seine Resignation nur durch Umdeutung der Wirklichkeit und Mäßigung seiner Hoffnungen bändigen kann. Folgerichtig mündet Aboschs "Plädoyer für eine skeptische" Kultur", wie das Buch im Untertitel heißt, in eine "Entsagungsdoktrin" ein, in das asketische Postulat, "Bescheidenheit zu lernen", dem Kampf ums goldene Kalb "Produktion und Konsumtion" zu entsagen und sich in den "Verzicht auf das Machen und Machbare" einzuüben – "um der Gewinnung des Sinnvollen willen".