Von Jochen Pade

Demutspfeifen“ – das Wort bezeichnet nicht etwa gewisse Zeitgenossen, sondern vielmehr meterhohe Orgelpfeifen, deren Töne so tief sind, daß sie unhörbar bleiben, aber dennoch eine bedrückende Stimmung verbreiten können. Bei passenden Gelegenheiten angeblasen, sollen die mächtigen Flöten die Demut der gläubigen Gemeinde vertiefen, so wird jedenfalls erzählt.

Dies ist nur eine der vielen erstaunlichen Geschichten über die Wirkungen extrem tieffrequenter Luftschallwellen. Der sogenannte Infraschall gilt anderen beispielsweise als Ursache von Nervenzusammenbrüchen und muß für viele weitere Mißhelligkeiten des modernen Lebens hinhalten. Längst gehört das Thema Infraschall zum Repertoire der Kritik an unserer technischen Zivilisation. Ein Grund für die Unzahl falscher Vorstellungen mag darin liegen, daß „bisher im Vergleich zum hörbaren Schall nur wenige fundierte Kenntnisse und Ergebnisse vorliegen“, wie Rüdiger Borgmann vom Bayerischen Landesamt für Umweltschutz meint.

Das Gebiet des Infraschalls beginnt unterhalb der menschlichen Hörschwelle von etwa sechzehn bis zwanzig Hertz (Hz). Zum Vergleich: Der tiefste Ton auf einem üblichen Klavier schwingt mit ungefähr achtundzwanzig Hz; die neun farblich abgesetzten Zusatztasten großer Konzertflügel, zum Beispiel des Imperial der Firma Bösendorfer, führen hinunter bis zum sogenannten Subkontra-C von rund sechzehn Hz.

Für Infraschall gelten die gleichen physikalischen Gesetzmäßigkeiten wie für Hör- und für Ultraschall. Vor allem wegen der großen Länge der Infraschallwellen, die bis zu einigen hundert Metern betragen kann, weisen sie zudem gewisse Eigentümlichkeiten auf wie etwa die geringe Dämpfung: So konnte zum Beispiel nach dem Ausbruch des Vulkans Krakatau im Jahre 1883 der Infraschallanteil des Eruptionsknalls noch nachgewiesen werden, nachdem er zweieinhalbmal um die Erde gelaufen war.

Die unhörbaren Bässe sind keineswegs ein seltenes Phänomen. Meeresbrandung und Wasserfälle, Donner, Lawinen, Erdbeben und Meteore – neben Vulkaneruptionen gibt es noch viele weitere natürliche Infraschallquellen. Die verbreitetste und gleichzeitig eine der kräftigsten ist der Wind; schon bei steifen Brisen werden Pegel von 110 Dezibel (dB) erreicht, bei Sturm 135 dB und mehr. Ähnlich hohe Werte, die bei hörbarem Schall schon über der Schmerzschwelle liegen würden, können übrigens auch beim Autofahren mit offenem Fenster oder Schiebedach auftreten.

Die Technik ist für den Löwenanteil der heutigen Infrabeschallung und der damit zusammenhängenden Probleme verantwortlich. In Verkehrsmitteln, unter Brücken und in Tunnels kann der Zeitgenosse zum Teil beachtlichen Pegeln ausgesetzt sein. Neben Heizungs-, Klima- oder Lüftungsanlagen als weitverbreiteten Störenfrieden gibt eine ganze Reihe industrieller Prozesse hohe Infraschallemissionen ab; entsprechend erheblich kann die Belastung am Arbeitsplatz sein. Ganz legal übrigens, da – anders als für Hörschall – der Immissionsschutz noch keine Grenzwerte vorschreibt. In Wohn- und Erholungsgebieten hingegen gelten hohe Pegel als vergleichsweise selten. Zu deutlichen Belästigungen kann es aber auch hier kommen, wenn sich zum Beispiel in benachbarten Industriebetrieben Schwingungen von Maschinen auf großflächige Gebäudeteile wie Wände oder Dächer übertragen.