Von Harro Zimmermann

Armin Mohler hat sich jene Vokabel von der "FDGO-Gesellschaft" einfallen lassen, diesen Inbegriff konservativ-elitärer Herabsetzung der pluralistischen deutschen Nachkriegsdemokratie. Das Wort hat die Runde gemacht; nicht minder jenes berühmte Buch "Die Konservative Revolution in Deutschland", das seinem Verfasser über Jahrzehnte die Meriten einer erregenden Entdeckung sicherte.

Wie weiland den intellektuellen Ziehvater, so plagt heute seinen überfeinerten Enkel Botho Strauß das Schaudern vor der Normalität der libertären Bürgergesellschaft: Überdrüssig ist er der "erstickenden, satten Konvention des intellektuellen Protestantismus", er möchte "rechts" sein "von ganzem Wesen" und verachtet die geschichts- und schicksalslose Massenseele des modernen Individuums. Zurück also zum Dienst am Leben, am geschichtlichen Gewordensein, heimwärts zu einer "Rechristianisierung unseres modernen egoistischen Heidentums" und hinfort mit dem ausgezehrten "Vokabular der Empörungen und Bedürfnisse"!

Zumindest solche Heroik des Außenseitertums, die Klage über eine ins Haltlose deformierte Massengesellschaft, der Bannspruch gegen die linken Spätgeburten des Liberalismus ist es, was den deliranten Ästhetizismus eines Botho Strauß mit jener "Konservativen Revolution" verknüpft, die Stefan Breuer einer scharfsinnigen Analyse unterzieht.

Möhler und einer ihm folgenden Forschungstradition erschien die Losung von der "Konservativen Revolution" als ein unstrittiger Ordnungsbegriff für einen Teil der Weimarer Rechten: für ... die Gemengelage der Völkischen, der Nationalrevolutionäre, der Jungkonservativen und der Bündischen. Ob sich darunter tatsächlich eine "präzise abgrenzbare Diskursgemeinschaft mit einem Minimum an gemeinsamen Themen, Zielen und Methoden" fassen läßt, ist seither noch nie so umsichtig und differenziert gefragt worden wie in Stefan Breuers Studie.

Für ihn beginnen die Probleme dieses historisch-politischen Deutungsansatzes bereits beim Begriff "Konservatismus". Der, so weiß es die avancierte Forschung, ist am Ende des 19. Jahrhunderts als adlige Gegenideologie historisch untergegangen. Längst waren zu diesem Zeitpunkt all seine Denk- und Praxisenergien in den verschiedenen Varianten des Liberalismus zusammengelaufen, der das geschichtlich entscheidende Ensemble von Orientierungs- und Suchbewegungen um 1900 in sich aufgenommen hatte.

Ein durch Industrialisierung und Modernisierung vielfach erschüttertes und desillusioniertes (Bildungs-)Bürgertum, das alle Hoffnungen auf den regulierenden Staat projiziert und von seiner Kraft sowohl ein Aufhalten der inneren Krisen als auch eine machtvolle Interessenvertretung im internationalen Verteilungskampf erwartet, ist der Träger jener intellektuellen Bewegung gewesen, die lange unter dem Signum "Konservative Revolution" firmierte. Ihre Protagonisten, das zeigt Breuer deutlich, kommen durchweg aus bürgerlich-kleinbürgerlichen Kreisen: Sie sind Aufsteiger mit guter Bildung und doch voller Existenzängste. Gewaltbereitschaft und enragierte Apokalyptik sind die typischen Muster ihrer Art der Krisenbewältigung. Worin aber liegt die Vergleichbarkeit ihrer "Doktrinenideologien"?