Von Hermann Glaser

Schlägt man den fünften und letzten Band der „Propyläen Technikgeschichte“ auf, stößt man auf Abbildungen des Kontrollzentrums der Nasa auf Cape Kennedy, der Landung auf dem Mond 1969, eines abgestorbenen Waldes im Erzgebirge, des verschmutzten Rheinufers bei Köln, des zerstörten Kernkraftwerkes in Tschernobyl. Die „Technisierung des Lebens seit 1945“, Thema des zweiten Hauptteils des Bandes, macht die weiterhin ambivalente Rolle des Homo faber deutlich: Dem technisch perfekten Sphärenflug steht die Unfähigkeit gegenüber, den grünen Planeten zu erhalten.

Die Bilanz des „Ausbaus technischer Systeme zwischen 1914 und 1945“, Schwerpunkt des ersten Hauptteils, ist noch viel erschreckender; die Destruktion überwog gegenüber jeder Konstruktion; abgründige Erfahrungen – Mechanisierung der Schlachtfelder, Industrialisierung des Massenmords im „Dritten Reich“, Einsatz der Atombombe – haben den Fortschrittsglauben bis auf die Grundfesten erschüttert.

Verdient der himmelstürmende Titanensohn Prometheus unsere Sympathie, oder müssen wir, vor allem in Hinblick auf die Technikgeschichte, den Erfolg der Pandora, die alles Unheil in einem Gefäß mit sich trug und unter die Menschen brachte, resignierend zur Kenntnis nehmen? Die Trauerarbeit, die das von Wolfgang König herausgegebene Gesamtwerk leistet, hält sich in Grenzen; schon nach Erscheinen des ersten Bandes wurde kritisiert, daß die erfolgreichen Innovationen zu sehr und die „Hinfälligkeit der Technik“ wie ihre Fatalität zu wenig beachtet würden.

Die Kette der technikgeschichtlichen Begebenheiten, wie sie die „Propyläen Technikgeschichte“ – fesselnd durch die Wahrheit des Konkreten, aber auch zu kritischem Denken anregend – aufzeigt, rechtfertigt es keineswegs, Fortschritt nur als Sturm, der uns vom Paradiese wegtreibt, zu empfinden. Bei aller sachlichen Begrenzung – die Öffnung auf die Sinnfrage hin wird nie ausgespart: „Die Technikgeschichte gibt uns keine Gewißheit über den Weg, den wir gehen sollen. Doch ohne sie sind wir bei unseren Entscheidungen über Technik mit Sicherheit blind.“

Die Technik im antiken Mittelmeerraum (1. Band) betrachtet Helmuth Schneider unter dem Aspekt: „Die Gaben des Prometheus“. Der Unterbau der damaligen technischen Entwicklung wird vom mythischen Überbau her gedeutet: „Die Griechen entwickelten in jenen Mythen, die das technische Handeln thematisierten, Denkmodelle, denen noch moderne Analysen verpflichtet sind; außerdem gelang es ihnen, die theoretischen Grundlagen einer wissenschaftlichen Untersuchung technischer Hilfsmittel zu formulieren ... Reflexion über technische Vorgänge und deren wissenschaftliche Analyse sind als ein überaus wichtiger Beitrag der Griechen zur allgemeinen Technikgeschichte zu bewerten.“

Prometheus spielte dabei eine das Doppelgesichtige der Technik symbolisierende Rolle. Aischylos zum Beispiel sieht in ihm einen Heros der Technai, des technischen Könnens. Philantropie sei das Motiv für sein Aufbegehren gewesen; er raubte das Feuer vom Himmel (weshalb er an den Kaukasus geschmiedet wurde, bis ihn Herakles befreite), um die Menschheit, deren Vernichtung Zeus beschlossen hatte, zu retten: „Weil ich den Menschen ihren Teil / gewährt, bin solcher Not ich qualvoll unterjocht.“

Die Position des Diogenes hingegen – nur indirekt erfaßbar, da seine Schriften nicht überliefert sind – könnte man als ein frühes „Zurück zur Natur“ charakterisieren: Die Notwendigkeit technischen Handelns sei nicht damit zu begründen, daß der Mensch in einer ihm feindlichen Umwelt ohne Technai nicht zu überleben vermöge; für den Kyniker gelte „vielmehr das Prinzip, daß ,es in keinem Raum ein Lebewesen‘ gibt, ‚das nicht auch in ihm leben könnte’... Dem technischen Handeln wird nicht allein jeglicher Nutzen abgesprochen, sondern es wird auch ein enger Zusammenhang zwischen den Erfindungen und dem menschlichen Hang zum Vergnügen hergestellt, wobei sich nach Meinung des Diogenes das Streben nach Vergnügen in sein Gegenteil verkehrt...“

Die Vision vom angenehmeren, besseren, verkehrt-vergnüglichen Leben war aber stärker als die puritanische Mahnung des auf seine karge Weise durchaus vergnüglichen „Diogenes in der Tonne“. Ein gewöhnlicher Tag aus unserem „zivilisierten“ Leben kann dies zeigen: Nach dem Aufstehen in meist zentral beheizter Wohnung duschen wir uns, kochen auf dem Gas- oder Elektroherd Kaffee, hören die Morgennachrichten im Radio, begeben uns mit einem Verkehrsmittel zur Arbeit, benützen in der Werkhalle Maschinen, im Büro Schreibmaschine und Computer. Ein normaler Tageslauf, der bestimmt ist durch die gleichzeitige Verfügbarkeit zivilisatorisch-technischer Errungenschaften, deren historische Entwicklung man in der „Propyläen Technikgeschichte“ minuziös verfolgen kann. Das Detail wird dabei in großflächig-weitgespannter Perspektive und kultur-archäologischer Tiefensondierung ausgebreitet.

Der im historischen Prozeß sich spiegelnden ungeheuren Akkumulation der Technik wie der rasanten Beschleunigung des technischen Wandels trägt die „Propyläen Technikgeschichte“ Rechnung, indem sie die in den einzelnen Bänden behandelten Zeiträume zur Gegenwart hin kürzer werden läßt.

Die Notwendigkeit der De-Akkumulation, der Entschleunigung, des Bewußtseinswandels kann am Beispiel der Stadt verdeutlicht werden. Wolfgang König schildert in „Massenproduktion und Technikkonsum“ (Band 4) das Entstehen der „Maschine Stadt“. Im 19. Jahrhundert wuchsen die Einwohnerzahlen der Städte in bislang unbekanntem Ausmaß und Tempo, besonders in der zweiten Jahrhunderthälfte. Das Zusammenleben von Hunderttausenden oder gar Millionen von Menschen auf engem Raum war überhaupt nur möglich, weil eine hoch entwickelte technische Infrastruktur geschaffen wurde, die Grundbedürfnisse wie Nahrung, Wohnung, Waren und Kommunikation zu befriedigen vermochte. Diese Stadt-Werke (im-doppelten Wortsinne) sind bewunderungswürdig, auch wenn sie – zum Beispiel als Aufbau städtischer Versorgungs- und Entsorgungsnetze – häufig erst entstanden, als die Probleme buchstäblich schon gen Himmel stanken.

Heute strömen in verstärktem Maße, vor allem außerhalb Europas, die verelendeten Massen vom Land in die Großstädte. Die Zeitbombe tickt; sie kann nur entschärft werden, wenn innerhalb regionaler Einheiten das Stadt-Land-Gefälle überwunden, durch weitreichende, an sozialer Gerechtigkeit sich orientierende Infrastrukturmaßnahmen ausgeglichen werden kann.

Man hätte sich im letzten Band, der recht technokratisch endet, ein philosophisches Kapitel über die Realutopie einer durch sanfte Technologie geprägten human-computerisierten Gesellschaft gewünscht. Es hätte zur Orientierung im Dschungel technischer Lösungsvorschläge, im Gewirr von Verurteilungen und Glorifizierungen der Technik – Zielrichtung der „Propyläen Technikgeschichte“ – Wesentliches beitragen können. Aber auch angesichts einer solchen Lücke und manch anderer Defizite verdient dieses materialreiche, übersichtlich angelegte, anschaulich geschriebene und reich bebilderte Werk höchste Anerkennung.

  • Wolfgang König (Hrsg.):

Propyläen Technikgeschichte Bände 1-5

Propyläen Verlag, Berlin 1990-1993; 544 S., 640 S., 529 S., 595 S., 576 S., je Band 248,– DM