Die photographische Abbildung eines Gesichts hat etwas Indiskretes. In Bruchteilen einer Sekunde belichtet sich der Film und hält den Augenblick fest. So also hat damals, 1962, Günter Grass ausgesehen; und so hat 1968 Jurek Becker in die Kamera geguckt.

Niemanden kann man so unverwandt anstarren wie eine Photographie. Alles verrät sie – aber nur scheinbar. Becker: War er wirklich so herausfordernd unbekümmert? Ein Hollywood-Nachwuchstalent, die Ellenbogen lässig auf die Jeans gestützt, die angerauchte Zigarette in der Hand, das gebügelte Hemd sorgsam hochgekrempelt und freigebig herabgeknöpft? Und Grass, so unverhangen blickend, listig die Hand in der Rocktasche? Und war Heiner Müller 1968 so jüngferlich zart, so weiblich verletzlich? Und Christa Wolf (im selben Jahr) so madonnenhaft sinnend, zugleich aber mit dieser sanften Unnachgiebigkeit in den dunklen Augen?

Photos verraten viel. Photos täuschen. Sie zeigen, wie jemand in Bruchteilen einer Sekunde ausgesehen hat; wie er hat aussehen wollen; wie der Photograph gewollt hat, daß jemand in Bruchteilen einer Sekunde aussieht. Und Roger Melis ist nicht irgendein Photograph. Seine Photos sind künstlerische Beschwörungen und Inszenierungen eines einzigen, unwiederholbaren Augenblicks.

Photos täuschen, aber sie verraten etwas über die Vergänglichkeit. Was immer die Portraits von Roger Melis im Einzelfall bedeuten, was immer die Gruppenphotos über die jeweilige Situation der DDR-Literatur sagen: Fest steht, daß der Moment, von dem die Bilder künden, vorbei, daß er Geschichte geworden ist. So jung kommen wir niemals wieder zusammen, lautet der Kneipenspruch. Die Photos bleiben jung. Die Photographierten sind älter geworden, und einige leben nicht mehr: Johannes Bobrowski, Peter Huchel, Günter Bruno Fuchs, Peter Weiss, Franz Fühmann...

Bilder einer vergangenen Zeit. Daß von einem Schriftsteller das Werk bleibe, ist ein tröstlicher Gedanke. Aber wozu brauchen wir das biographische Material, das im Literaturarchiv Marbach gesammelt wird? Das Archiv hat, weil es Portraits von DDR-Autoren kaum besitzt, Roger Melis gebeten, ihm auszuhelfen. Daraus ist dieses Buch entstanden ("Berlin, Berlin. Schriftstellerporträts aus dreißig Jahren"; Marbacher Schriften 35/Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 1992; 110 S., Abb., 33-DM). Es enthält eine kleine, erlesene Auswahl von Hunderten von Photos.

Beim Lesen der gelegentlichen Meldung, das Marbacher Archiv habe den Nachlaß des Dichters X gekauft oder den der Schriftstellerin Y geschenkt bekommen, erschrecke ich oft und versuche, mir die unterirdischen Bunker am Neckar vorzustellen, wie da in den Stahlregalen Millionen von Manuskriptseiten, Tagebuchnotizen, Zetteln, Photos und Briefen lagern, sorgsam registriert und geschützt gegen Feuer und Nässe. Jedes Konvolut der Rest eines Lebens.

Offenbar brauchen wir das. Wir wollen dem, den wir lieben (und die Leser, nicht die Kritiker lieben ihre Dichter), so lange auf den Pelz rücken, bis wir ihn durchschaut haben – und wieder auf das Werk blicken, so klug als wie zuvor, vielleicht aber um das Geheimnis reicher, daß der Brief und das Photo und das Tagebuch von einem Leben zeugen, das, je offener es vor uns liegt, um so rätselhafter wird, während uns das rätselhafte Werk durch die Kenntnis seiner Entstehungsgründe nähergerückt ist.

Dichter sind auch Zeugen der Zeit. Wie sehr und wie genau sie es sind, steht nicht in ihrem Ermessen. Ihr Werk löst sich von ihnen ab und steht den Lesarten offen. Auch ihre Person, ihre Geschichte und Wirkung unterliegen derselben Vieldeutigkeit, der alle historischen Zeugnisse anheimfallen. Die Photos von Roger Melis sind besonders vieldeutig, weil sie ihrerseits Kunstwerke sind.

So also sah Thomas Brasch 1972 aus, mit diesen langen Haaren wie ein Jesus, und so 1989, kurzgeschoren wie ein Rekrut; und so Sarah Kirsch, das junge Blut, 1965 im Kreis der Kollegen bei Biermann, und so zwölf Jahre später, auf ihren gestapelten Ausreisekisten hockend, und heute hockt sie zwischen Deich und Kate und dichtet gegen den Nordwind. Kinder, wie die Zeit vergeht. Wir auch. Ulrich Greiner