Von Volker Ullrich

In der Grunewald-Zeitung vom 8. Mai 1915 fand sich nur eine kurze Notiz: "Durch Erschießen ihrem Leben ein Ende gesetzt hat die Gattin des Geheimen Regierungsrates Dr. H. in Dahlem, der zur Zeit im Felde steht. Die Gründe zur Tat der unglücklichen Frau sind unbekannt."

Die Gründe lernen wir nun kennen in einem faszinierenden historischen Portrait, das sich fast wie eine kriminalistische Recherche liest. Denn was jahrzehntelang vertuscht und verschwiegen wurde, das deckt Gerit von Leitner auf: Der Selbstmord war nur der Schlußpunkt eines Ehe- und Familiendramas. Ihm voraus ging ein langer Prozeß der Entwürdigung und Zerstörung einer hochbegabten Frau, ein langsamer, qualvoller innerer Tod, an dem ihr berühmter Mann, der Chemiker und spätere Nobelpreisträger Fritz Haber, maßgeblichen Anteil hatte.

Am 21. Juni 1870 – zu einem Zeitpunkt, als Bismarck sich anschickte, durch Krieg mit Frankreich Deutschland zu einigen – wurde Clara Immerwahr als jüngste von drei Töchtern in Polkendorf bei Breslau geboren. Dort bewirtschaftete ihr Vater, ein promovierter jüdischer Chemiker, erfolgreich ein landwirtschaftliches Gut. Mit Sinn für scheinbar banale, aber bedeutungsvolle Details schildert die Autorin die uns ferne Welt eines schlesischen Ritterguts – und das bunte Treiben im Immerwahrschen Konfektionshaus in Breslau, in das sich die Familie während der Wintermonate zurückzog.

Schon früh regt sich in dem Mädchen der Drang nach Unabhängigkeit. Sie will es ihrem älteren Bruder Paul gleichtun, das Gymnasium besuchen, Naturwissenschaften studieren. Doch diesem Wunsch stehen fast unüberwindliche Hindernisse entgegen. Ein Gymnasium für Mädchen gibt es in Breslau nicht. Sie muß mit der Höheren Töchterschule vorliebnehmen, wo die jungen Damen auf ihre "natürliche Bestimmung", das heißt auf ihre Rolle als Gesellschafterin des Mannes, als Hausfrau und Mutter, vorbereitet werden. Danach bleibt, als einzige Möglichkeit der Weiterbildung, der Besuch des Lehrerinnenseminars. Der dort erworbene Abschluß berechtigt nur zum Unterricht an einer Mädchenschule, aber immer noch nicht zum Studium an einer Universität. Dazu braucht sie das Abitur, wozu es einer Sondergenehmigung bedarf. Und als sie selbst das geschafft hat, kann sie sich nicht einfach an der Universität einschreiben, sondern nur, wiederum auf Sondergenehmigung, gastweise Vorlesungen besuchen.

Unerschrocken trotzt Clara Immerwahr all diesen Schwierigkeiten, und sie läßt sich auch durch immer neue Schikanen nicht entmutigen. Sie nimmt in Kauf, daß sie, auch in der eigenen Familie, als "Blaustrumpf" belächelt und angefeindet wird – wie alle Frauen damals, die ihre Erfüllung nicht in früher Eheschließung und Mutterschaft sahen. Sie läßt sich auch nicht abschrecken durch die zotigen Sprüche der Professoren und die frechen Blicke der korporierten Studenten, die es nicht ertragen können, daß Frauen in ihre angestammten Reviere einbrechen.

Gerit von Leitner beschreibt die misogyne wilhelminische Männergesellschaft ganz unaufgeregt, ohne den Furor feministischer Entrüstung, eher mit amüsierter Verwunderung über so viel Dummheit. "Ich halte nichts von geistigen Amazonen", empfängt Geheimrat Meyer, seines Zeichens Professor für Experimentalphysik, Clara Immerwahr bei einem Vorstellungsgespräch.