Von Manfred Sack

Es war ein großer Schreck, als das Volk der Wiener vor zwei Jahren den Plan der Stadt verwarf, zusammen mit Budapest die Weltausstellung des Jahres 1995 auszurichten – und so hatte Sevilla die Chance bekommen, sein Geld zum Fenster hinauszuwerfen. Die Wiener hatten sich auch nicht durch die Verheißungen umstimmen lassen, die sich nach der Wende zu eröffnen schienen: die Beschwörung des historischen, von der neueren Geschichte demolierten Verwandtschaftsverhältnisses zwischen den beiden Donauhauptstädten.

Unterdessen scheint es, als hätten sich die Wiener nur gegen die eitle teure Show der Expo ’95 gewandt, nicht jedoch gegen das Projekt einer neuen Stadt, das über den Umweg der Weltausstellung hätte politisch und wirtschaftlich lanciert werden sollen. Denn die leidenschaftlichen Neinsager schwiegen bisher so konsequent dazu, daß sich ihre Zustimmung vermuten läßt: zu dem oft erwogenen, nun tatsächlich bevorstehenden Brückenschlag Wiens ans jenseitige Ufer der Neuen Donau, zum 22. Bezirk hinüber, zur Donaustadt und dem Donaupark, der aus einer Gartenschau hervorgegangen ist, zur Uno-City, mit der Wien es geschafft hat, neben New York und Genf zur dritten Verwaltungsstadt der Vereinten Nationen zu werden. Die gibt sich schon von weitem mit ihren halbrund gebogenen Hochhausscheiben und einem schauderhaften Konferenzzentrum zu erkennen – und wird nun hoffentlich etwas von ihrer banalen monumentalen Wirkung verlieren. Das Gebiet ist übrigens schon lange ganz hervorragend für jeglichen, auch den öffentlichen Verkehr erschlossen, auf der Ostseite durch die Reichsbrücke. Die Donau-City verspricht auf jeden Fall, ein Abenteuer der Stadtbaukunst zu werden. Denn wer weiß, ob uns das noch – oder nun wieder – gelingt. Viel Zeit gibt man ihr nicht: zehn Jahre.

Da die Donau in Wien stets im Plural auftritt, stiften geographische Angaben leicht Verwirrung. Denn überwunden wird diesmal nicht der Seitenarm, der an der Innenstadt vorüberfließt und Donaukanal heißt, sondern die Donau weiter nördlich. Ihr schon 1873 streng gebetteter Hauptarm ist vor einigen Jahren, um das Hochwasser zu bändigen, neuerlich korrigiert und mit einem kilometerlangen, schmalen Landstreifen geteilt worden, so daß neben der Donau das Wasserbecken der Neuen Donau entstanden ist. Und am nördlichen Ufer eben dieses Gewässers soll der neue Stadtteil heranwachsen, die Donau-City.

Die Bezeichnung City läßt schon ahnen, wer dahintersteckt: Es ist erstens die WED, die Wiener Entwicklungsgesellschaft für den Donauraum, die das Management besorgt; es sind zweitens die großen Banken, die das Geld ihrer Kunden hier anlegen wollen; es ist drittens die Stadt Wien, die ein kommunales Interesse hat.

Der Uno-City zu Füßen, inzwischen vom Müll vieler Jahre befreit und dabei ins leicht abfallende Terrain gegraben, liegt die gut siebzehn Hektar große Baugrube: Hoffnung auf eine neue Stadt, in der Geschäfts-, Büro-, Wohn- und Kulturhäuser eine miteinander korrespondierende Mischung ergeben sollen, kurzum: eine dichte, abwechslungsreiche, selbstverständlich lebendige Stadt. Nicht zuletzt deswegen heißt die Devise, darin wenigstens ein Drittel für Wohnungen zu reservieren und so die Allgegenwart von Menschen zu sichern – etwas, das die grassierende Bürobaumüdigkeit gerade zu befördern scheint.

Einmal abgesehen von der Autobahn 22, die hier rücksichtslos an die Donau gebaut worden ist und mit ihren Auf- und Abfahrtsschleifen den Bauplatz umkreist, gehören auch etliche, aus Wettbewerben hervorgegangene Bau- und Lagepläne zum Expo-Fundus. Nach ihnen sind längst die rechtsverbindlichen Flächennutzungs- und Bebauungspläne angefertigt worden; sie bilden auch die Basis aller neuen Erörterungen, deren Ergebnis nun in Gestalt eines "Masterplanes" vorliegt: eine Art von Struktur- und Bebauungsplan, der die dreidimensionale Gliederung des neuen Stadtteils wiedergibt.