Von Rob Kieffer

Seit damals, als hier ein Mädchen namens Sidonie Gabrielle Colette aufwuchs, hat sich nicht viel verändert. Das Klappern der Gartenscheren, das Brummen fetter Hornissen und das Kratzen von Katzenpfoten auf den Dächern der Hühnerställe werden nur von gelegentlichem Traktorengetucker übertönt. Es riecht nach Salbei und Sauerampfer. Auf der buckligen Straße, die zum Marktplatz hinaufführt, steht mit Kreide eine anfeuernde Botschaft auf dem Asphalt geschrieben: "Noch 100 Meter bis zur Prämie!" – der Regen hat diese Erinnerung an das letzte Fahrradrennen noch nicht ausradiert.

"Häuser, die vom Hügel ins tiefe Tal hinunterkollern, Terrassen und Treppen unterhalb eines in der Zeit Ludwigs XV. neu aufgebauten Schlosses, das jetzt schon verfallener aussieht als der niedere, dicht in Efeu eingekleidete Sarazenenturm der jeden Tag ein wenig mehr zerbröckelt. Es ist keine Stadt, sondern ein Dorf; die Straßen sind gottlob nicht gepflastert; der Platzregen fließt darin in kleinen Sturzbächen ab, die in zwei Stunden austrocknen. Es ist ein Dorf, und nicht einmal sehr hübsch – aber ich liebe es sehr." So beschreibt die Schriftstellerin Colette den Ort ihrer Kindheit und Jugend. In ihren Werken gibt sie ihm den Namen Montigny-en-Fresnois, doch dahinter verbirgt sich Saint-Sauveur-en-Puisaye, wo "der fröhliche, kleine Vampir, der ahnungslos das Mutterherz ausbeutet", 1873 als jüngstes von vier Kindern geboren wurde und bis 1890 wohnte.

Saint-Sauveur und die Landschaft Puisaye, die dem Burgund der Rebhänge den Rücken kehrt und sich zaghaft dem Loiret zuwendet, sind Schauplätze zahlreicher Colette-Bestseller. Vor allem die in vier Romanen niedergeschriebenen nostalgisch-sinnlichen Erlebnisse der kecken Schülerin Claudine, das Alter ego der jungen Colette, spielen in dem verschlafenen 1000-Menschen-Dorf und dessen Umland.

Viele Bewohner, die Schuldirektorin ("von krasser Häßlichkeit, mit einem aufgedunsenen, stets geröteten Gesicht"), einstige Mitschülerinnen und Nachbarn, fanden sich in nicht gerade schmeichelhaftem Licht portraitiert, wobei die längst in Paris zu Ruhm gelangte Autorin auch vor der Schilderung pikanter Zoten nicht zurückschreckte. Das damalige Entsetzen der braven Dörfler erklärt, warum auch heute noch Saint-Sauveur seiner prominenten Tochter mit Distanz gedenkt.

Unter dem Ortsschild steht nur ein schlichtes Postskriptum: "Le pays de Colette", das "Land von Colette". Die Rue de I’Hospice, in der unverändert ihr Geburtshaus mit der doppelten Freitreppe steht, wurde in Rue Colette umgetauft. Besuchen kann man das "große ernste Haus, unfreundlich mit seiner Waisenhausglocke und dem großen Riegel an seinem Tor", nicht, da es sich in Privatbesitz befindet.

So bleibt einem auch der verwunschene Hintergarten verborgen, "von der Sonne vergoldet" und einen "Mantel aus Glyzinen und Bignonien" tragend. Doch ähnlich verträumte Oasen kann man überall in Saint-Sauveur bewundern: enge Gärten mit Spargel- und Erdbeerbeeten, in denen lianenartig verschlungenes Gewächs wuchert und wilder Wein, Efeu, Klematis und Rieder die schmiedeeisernen Gitterstäbe erobert haben.