WARENDORF. – Mit Nimrod, laut Altem Testament „ein gewaltiger Jäger vordem Herrn“, hat Reinhard Spindeldreier derzeit wenig gemein. Der Vorsitzende der Dortmunder Kreisjägerschaft fühlt sich vielmehr als Gejagter; er zögert, ob er sich überhaupt öffentlich äußern soll. Womöglich würden dann „Nachfolgetäter motiviert“, denn während der Dortmunder Ausstellung Jagd & Hund Anfang dieses Jahres wurde sein Auto von oben bis unten mit Säure bespritzt, und die Reifen wurden zerstochen. Im anonymen Bekennerschreiben heißt es nur: „Sie sind ein widerlicher Mörder!“ Unterzeichnet: „Flinke Marder“.

Zwei Waidmänner in Meschede im Sauerland traf es unlängst noch schlimmer: Nachdem sie auf einen Hochsitz gestiegen waren und einer der beiden einen Ast, der auf das Dach gefallen war, entfernen wollte, brach der Hochsitz zusammen. Die Jäger fielen sechs Meter tief hinab. Der eine zog sich eine schwere Schädelverletzung zu, der andere brach sich das Hüftgelenk. Die Stützen des Ansitzes, so wurde ermittelt, waren aus der Verankerung gelöst worden. Zwar gebe es in diesem Fall kein Bekennerschreiben, sagt der zuständige Arnsberger Oberstaatsanwalt Josef Hempelmann, doch für die Annahme, daß auch hier militante Jagdgegner am Werk waren, spreche, daß sich im Hochsitz „Exkremente fanden, die von Menschen waren, etwa nach dem Motto: Wir haben dem Jäger eins auf den Hochsitz geschissen.“

Seit Beginn der Jagdsaison im vergangenen Oktober, sagt Oberstaatsanwalt Wolfgang Schweer von der Staatsanwaltschaft Münster, ist der Wald auch für Waidmänner nicht mehr sicher. Rund 150 Anschläge auf Jäger und Jagdeinrichtungen wurden seitdem allein in Nordrhein-Westfalen gezählt, davon über 100 im Münsterland. Die meisten Täter, meint Schweer, stammten wohl aus dem Ruhrgebiet und seien der „autonomen Tierschützerszene“ zuzuordnen. Viel mehr wisse er nicht von ihnen. An den Tatorten hinterlassen sie zuweilen Flugblätter, nicht selten mit dem RAF-Stern versehen, auf denen etwa zu lesen ist: Jäger, wir warnen Euch! Wir schießen zurück!“ oder: „Nur ein toter Jäger ist ein guter Jäger“; manchmal auch Gereimtes: „Wenn Hochsitze krachen / vergeht Euch das Lachen.“ Sie bezeichnen sich als „Veganer“, radikale Vegetarier, die jegliche Tierprodukte, selbst Lederschuhe, ablehnen. In ihren Pamphleten, berichtet Schweer amüsiert, geißelten sie die „Einheit von Kapitalismus, Patriarchat, Sexismus, Rassismus und Fleischverzehr“.

Der Präsident des Landesjagdverbands Nordrhein-Westfalen, Constantin Freiherr Heereman, nennt die Täter „Terroristen“ und warnt Wanderer und Spaziergänger davor, auf Hochsitze zu klettern: „Es ist damit zu rechnen, daß die oberen Sprossen zahlreicher Hochsitze und Leitern angesägt wurden, so daß es zu folgenschweren Stürzen kommen kann.“ Den bisher angerichteten Schaden schätzt Heereman auf etwa 200 000 Mark. Seinen Jägern empfiehlt er, sich auf keinen Fall auf „körperliche Auseinandersetzungen“ einzulassen. Doch das ist nicht immer zu vermeiden. Im Februar vergangenen Jahres störten über ein Dutzend Vermummter eine Treibjagd gegen die Kaninchenplage auf dem Waldfriedhof von Telgte bei Münster. Sie rannten ständig zwischen Karnickeln und Jägern hin und her und riefen: „Den Hasen das Leben, den Jägern das Schrot!“ Als die Jäger versuchten, einige der „Tierschützer“ festzuhalten, kam es zu Prügeleien.

Der Polizei im münsterländischen Warendorf gelang es, vier der Störer zu fassen. Vor wenigen Wochen begann der Prozeß gegen die drei Männer und die eine Frau im Alter von 21 bis 27 Jahren vor dem Jugendschöffengericht in Warendorf. Angeklagt sind sie wegen Körperverletzung, Nötigung, Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte sowie Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz.

Aus ihrer Anschauung machten die vier auch im Gerichtssaal keinen Hehl. Sie trugen weiße T-Shirts mit der Aufschrift: „Alle Tage Jagdsabotage“. Einer der Angeklagten gab als Beruf „Tierrechtler“ an und erklärte, auch Tiere hätten das Recht auf „ein selbstbestimmtes Leben“. Ein anderer sagte, er habe damals an der Aktion teilgenommen, um „einen Massenmord zu verhindern“. Ihr Störmanöver sei jedoch absolut „gewaltfrei“ gewesen; nicht sie hätten angegriffen, sondern die „Lustmörder“, wie sie die Jäger bezeichnen.

Vor einigen Tagen ist der Prozeß geplatzt: Einem Befangenheitsantrag der Verteidigung wurde stattgegeben. Der Richter hatte nämlich einen Teil der Öffentlichkeit willkürlich ausgesperrt. Zuhörer, die er der äußeren Erscheinung nach für Sympathisanten der Angeklagten hielt, ließ er nicht in den Saal. Nun muß vor einem anderen Gericht von vorn begonnen werden.

Es gibt freilich auch Jäger, die ein gewisses Verständnis für ihre Gegner aufbringen, zum Beispiel Jürgen Müller-Hirschmann, Präsident des kleinen Bunds Deutscher Jäger. Natürlich dürften Hochsitze nicht feige angesägt und Menschen gefährdet werden, sagt er, aber seinetwegen könnten diese „Rammelbuden“ ruhig „flachgelegt“ werden: „Der Jäger soll jagen, auf die Pirsch gehen und nicht in diesen Hochsitzen warten, bis das Wild kommt, und dann nur noch vollstrecken.“ Das sei eine „degenerierte Form“ der Jagd.

Im übrigen ist Müller-Hirschmann dafür, die Jagd zu „demokratisieren“. Es gebe 420 000 Jagdschein-Inhaber hierzulande, doch nur 50 000 Reviere. Die meisten Jäger seien also darauf angewiesen, sich von einem Revierpächter einladen zu lassen. „Dieses Reviersystem ist ein Monopol für Leute, die sich die Jagd leisten können.“ Daß dies „Jagdneid“ erzeuge und einige Leute provoziere, könne er „nachvollziehen“. Roland Kirbach