Von Diemut Klärner

Ein merkwürdiges Sinnesorgan trägt der Sternmull auf seiner Nase: Elf fleischige Strahlen sprießen rings um jedes Nasenloch und erinnern an die Tentakelkränze von Seeanemonen. Gut durchblutet und reich mit Nervenfasern versorgt ist dieser rosafarbene Stern. Dient die seltsame Nase zu mehr als nur zum Riechen und Tasten? Amerikanische Forscher haben jetzt herausgefunden, daß er auch auf elektrische Felder reagiert.

Zu Hause ist der Sternmull (Condylura cristata) im Osten von Nordamerika. Anders als sein europäischer Verwandter, der Maulwurf, liebt er sumpfige Böden und erweist sich in Bächen und Teichen als gewandter Schwimmer. Häufig enden seine unterirdischen Gänge am oder unter Wasser. Als Verpflegung sucht er sich Regenwürmer und andere Ringelwürmer sowie Insektenlarven und kleine Krebstiere. Auf seine winzigen Augen kann er sich dabei allerdings nicht verlassen, denn gewöhnlich ist das Wasser trüb, und die unterirdischen Gänge sind ohnehin finster. Wenn ein Sternmull daher auf Beutefang geht, schnüffelt er eifrig herum. Ob an Land oder im Wasser, die Nasenspitze ist unermüdlich in Bewegung, und ihre Tentakel biegen sich geschäftig mal hierhin, mal dorthin. Wie mit einer vielfingrigen Hand kann der Sternmull mit seiner Nase auch Gegenstände abtasten und sie, falls eßbar, zum Mund führen.

Daß die Sternmulle sich auch für elektrische Felder interessieren, zeigten Edwin Gould, William McShea und Theodore Grand vom National Zoological Park in Washington mit einer 1,5-Volt-Taschenlampenbatterie. Die meisten Versuchstiere schwammen unverzüglich zu diesem fremdartigen Ding hin und betasteten es mit ihrer Nase. Einem so starken elektrischen Feld werden sie in ihrem natürlichen Lebensraum zwar nie begegnen. Doch das schwache elektrische Feld eines Regenwurms erregt anscheinend ebenfalls ihre Aufmerksamkeit: Stürzt sich ein Sternmull auf solch ein Beutetier, beißt er mit besonderer Vorliebe in das sogenannte Clitellum, einen drüsenreichen Gürtel im vorderen Drittel des Wurms.

Wenn Regenwürmer sich paaren, schafft das Clitellum mit seinen Schleimdrüsen einen innigen Kontakt zwischen den Partnern und produziert anschließend einen schützenden Kokon für den Nachwuchs. Das elektrische Feld eines Regenwurms ist an dieser Stelle deutlich stärker als im vorderen oder gar im hinteren Körperabschnitt. Somit kann es, meinen die Forscher, kaum ein Zufall sein, daß der Sternmull gerade jenes nur wenige Millimeter breite Drüsenfeld, derart häufig attackiert. Hungrige Sternmulle lassen sich auch von einem künstlichen elektrischen Feld, das dem eines Regenwurms gleicht, anlocken und manchmal gar zu einem herzhaften Biß in einen ungenießbaren Plastikschlauch verleiten. Birgt die merkwürdige Nasenspitze des Sternmulls also Elektrorezeptoren? Das legen die Beobachtungen zwar nahe, der Beweis indes steht noch aus.

Bisher sind die eierlegenden Ameisenigel und Schnabeltiere die einzigen Säugetiere, die unzweifelhaft mit solch einem "sechsten Sinn" auf Beutefang gehen. Der Australische Schnabeligel, Tachyglossus aculeatus, und der auf Neuguinea heimische Langschnabeligel, Zaglossus bruiini, ernähren sich von Ameisen und Termiten. Das Schnabeltier sucht schwimmend und tauchend nach Würmern, Krebsen und ähnlichen Leckerbissen; sein Speiseplan gleicht dem des viel kleineren Sternmulls.

Als vor wenigen Jahren auf dem Schnabel des Schnabeltieres und auf der Nasenspitze des Australischen Schnabeligels Elektrorezeptoren entdeckt wurden, galt dies als kuriose Eigenart einer höchst kuriosen Tiergruppe. Nun lassen die Beobachtungen der amerikanischen Wissenschaftler vermuten, daß auch ein ganz gewöhnliches Säugetier wie der Sternmull schwache elektrische Felder wahrnimmt.