Von Anna v. Münchhausen

Mit einem Ende beginnen – warum nicht? Halb acht Uhr abends. Ausgestorben das breite Treppenhaus, verlassen die Empfangsloge. Köln, Hohenzollernring 53. Ein nobler Altbau – beste Gründerzeit, puristisch renoviert – beherbergt den Taschen Verlag. Schräge Sonnenstrahlen fallen auf die Kunst an den Wänden, die hier den Büroalltag hebt. Unverhofft erweist sich in diesem Moment, an den Rändern des Arbeitstages, daß die Strukturen (noch) durchlässig sind. Eine Putzfrau stellt sich dem Chef in den Weg und fragt geradeaus im Kölsch-Singsang: „Sie, Herr Taschen, wann kommt denn der Fensterputzer? Das sieht ja aaauuus!“

Einen winzigen Augenblick lang scheint der Angesprochene zu zögern: Muß er, Benedikt Taschen, der 32 Jahre alte Chef von 70 Angestellten, Eigentümer und Motor des Unternehmens, das jetzt selbst in die Hand nehmen? Er schickt einen Finger in Richtung Schläfe, bricht dann die Geste ab und antwortet, leger und ohne Arroganz: „Tja, da müßten Sie mal die Frau N. fragen. Die weiß das. Die weiß sicher Bescheid.“

Dreht sich um und geht heim. Nur ein paar Meter trennen ihn bei diesem kurzen Dialog von jenem Portrait, das die Eingangshalle ziert: Benedikt Taschen in der Rolle eines Unterhaltungskünstlers, gemalt von Elias Suppengrün: mit drei Keulen in der Luft jonglierend, melancholisch lächelnd, während drei zornige Kläffer an seinen Beinen hochspringen.

Ein ironischer Kommentar zu einer Erfolgsgeschichte. Billige Bücher aus edler Umgebung – was steckt dahinter? Zunächst einmal das unerschütterliche Selbstbewußtsein des Verlegers. Seine Laufbahn: Sohn aus gutbürgerlichem Kölner Haus, Abitur, mit neunzehn eigene Spezialbuchhandlung für Comics. Kurz darauf der alles entscheidende Zufall: Die ihm angebotene Restauflage eines Magritte-Bandes brachte er binnen zweier Monate unter die Leute. Was ihn auf den Geschmack brachte: Warum nicht selbst verlegen? Zum Beispiel Kunstbildbände; preiswert, hohe Auflage, möglichst gleich in mehrere Sprachen übersetzt. So wurde aus dem Newcomer der Senkrechtstarter und Branchenschreck als Meister in der Kunst der hohen Auflage. Zwei Bände Picasso für 99 Mark, die Geschichte der Architektur im 20. Jahrhundert für 49 Mark, Bildmonographien über Dalí und Max Ernst, Miró oder Vermeer für weniger als 30 Mark – so lehrte er die etablierten Kunstverleger das Zittern.

Zum Gespräch hat sich der Herr Taschen ins kühle Basement zurückgezogen, in die Verlagscafeteria, die mit Ethno-Stöffchen vor den Fenstern und Mosaiken auf den Tischen nicht eben kantinenmäßig daherkommt. Die Flasche Kölsch in der Hand, den Blick in die Kastanien gerichtet, die Beine von sich gestreckt, so schlüpft Taschen ohne harte Übergänge innerhalb von zwei Stunden in vier verschiedene Rollen. Oder waren es sechs?

Der Unschuldige, der die Irritation der Branche so recht nicht nachvollziehen kann: „Es gab ja eine ähnliche Aufregung nach der Einführung des Taschenbuchs, das auch als Untergang der Lesekultur gewertet wurde. Da müssen Sie mal gucken: Wer sagt das? Das sind oft Leute, die etwas ganz anderes damit bezwecken.“ Nämlich gewissermaßen das geschlossene System: In seiner Kindheit kosteten die billigsten Kunstbände 68 Mark – Repräsentationsgeschenke zum Jubiläum. „Was bringt das? Wir wollen Bücher machen, die die Leute verstehen und sie weiterbringen, egal ob jung oder alt.“ Bloß der billige Jakob sein, nein, das wäre ihm nicht genug. Der Anspruch geht auf das Programm als Ganzes: „Wir wollen eine bestimmte Erkennbarkeit, über die Optik hinaus. Ob uns das gelingt? Hmm.“

Der Routinier, der den Anwalt am Telephon kurz instruiert, wie mit einem störrischen Abnehmer zu verfahren sei („...daß denen klargemacht wird, wir können auch anders“). Sein Verlagsprinzip: kein Vertreter-Netz, keine Direktbelieferung, Mindestmengen, die vom Buchhandel in bestimmten Einheiten vorgepackt abzunehmen sind. „Aber soviel anders als die anderen machen wir es auch nicht“, sagt er, drückt das flache Kinn noch ein bißchen tiefer in den Hals und blickt wunderbar harmlos zurück.

Der Engagierte: Neulich sah er vor einem Museum in Spanien eine Gruppe Vierzehnjähriger, die in einem Taschen-Band über Max Ernst blätterten. Dazu verhelfen, daß die Leute mit offenen Augen durch die Welt gehen, ja, so ließe sich seine idealistische Note beschreiben. „Nehmen Sie dieses Haus da drüben.“ Er deutet auf einen Normbau aus den achtziger Jahren. „Daß das der letzte Dreck ist an Architektur, kann man erst feststellen, wenn man Vergleiche hat.“ Und geradezu liebevoll kommentiert er einen Band über den Architekten Carlo Scarpa, den er zum ersten Mal in die Hand nimmt: „Nä, dat is wirklisch im jeworden.“

Kunst, Architektur, Photographie, Design, das sind die vier Säulen des Verlages. Da kommt es auf ein schwer erklärbares Feeling an; Beispiel: jener Titel, der mitten ins Herz der neuen deutschen Ost-Neugier traf: „Die Villen von Dresden“; bröckelnder Bürgerstolz, hinreißend photographiert. Nicht etwa einer der vielen „Schnellschüsse“ nach Öffnung der Mauer. Nein, schon 1988 als Idee geboren, erschien der Band schließlich 1991. Qualität braucht eben Zeit. „Man kann auch ein hervorragendes Thema total vermurksen.“ Das Gros der Architekturbücher zum Beispiel ist seiner Meinung nach „in höchstem Maße unsinnlich“, weil viele Verlage Berührungsangst davor verspüren. „Es muß vermittelt und erklärt werden. Das macht Qualität aus.“

Der Nachdenkliche, der noch immer daran bastelt, wie ein nach landläufiger Vorstellung minderjähriger Chef seine Rolle den Mitarbeitern gegenüber definiert. Dem Vernehmen nach entscheidet er von Fall zu Fall zwischen Anordnung und Kommunikation. „Mein Führungsstil?“ Pause. „Eher autoritär als nichtautoritär. Aber es ist nicht so, daß ich sage, so ist es, und damit ist es gut.“

Auch wenn er tapfer behauptet, Krisen seien wichtig: Als der Taschen Verlag aus zehn Leuten bestand und man sich mal schnell spontan um den Tisch setzen konnte, um zu entscheiden, hatte auch dieser Verleger es leichter, der seine Rolle als die eines Impresarios beschreibt. Heute fühlt er sich mitunter mißverstanden. „Ich kann mich häufig nicht klar und verständlich ausdrücken, nur kryptisch.“

Wohl wahr, glattgeschliffener Selbstdarsteller ist er trotz der Rollenkompatibilität noch nicht. Er knetet die Sätze, probiert aus, bricht ab, fügt ein bedächtiges „Jaha“ ein und setzt neu an, um die Ambition zu erläutern: „In der Kunst des 20. Jahrhunderts gibt es etwa dreißig Namen, über die man sich nicht zu streiten braucht. Dann gibt es aber auch ein paar weitere. Wichtig ist, daß auch Titel verlegt werden, die keiner erwartet. Nicht nur wegen der Überraschung, sondern weil man auch voraus sein will.“ Man gleich ich; keine Frage.

Die Gegenwart läßt sich mit der stürmischen Anfangszeit nicht mehr vergeichen. „Die Bücher, die wir machen, die mußten irgendwann kommen. In den achtziger Jahren mußte man in vielen Branchen sehr dumm sein, um kein Geld zu verdienen, das wird in die Geschichte dieses Jahrhunderts eingehen. Vor zehn Jahren, als es noch keine preiswerten Bildbände gab, konnte man alles verkaufen. Das ist heute nicht mehr so. Jetzt müssen wir gucken: Wo geht was? Magritte zum Beispiel, früher der tragende Titel, den kauft keiner mehr, in Deutschland nicht und in vielen anderen Ländern auch nicht. Würde man ja nicht denken. Ist aber so. Ein dauerndes Auf und Ab.“

Der Wellenbewegung versucht er beizukommen, indem er das Prinzip des Rückwärtsdenkens pflegt: So soll es aussehen, wie können wir es machen? „Man gewöhnt sich so schnell an, in Bahnen zu denken und findet nichts Schöpferisches mehr, bloß weil einer sagt: Geht nicht.“

Zu großer Form läuft Benedikt Taschen am Schluß in einer Rolle auf, die eher aus Zufall zum Vorschein kommt: der Kölsche Jung der nach einem Espresso-Intermezzo zum heimischen Bier zurückgekehrt ist. Kürzlich stimmte die New York Times ein Loblied an auf die Kölner Galerien, die angeblich SoHo den Rang abgelaufen hätten. Wie schwoll da die Kölner Brust. Ist er ein Lokalpatriot? Da dreht er richtig auf. „Dieses Wir hier in Köln, wo Kunst und Wirtschaft immer eine tolle Allianz gehabt haben, das ist alles totaler Quatsch! Was hier entstanden ist, geht ausschließlich auf den Einsatz von einzelnen Künstlern, Galeristen und Sammlern zurück. Da gibt’s einen riesigen Klüngel von Leuten, die sich dranhängen und nicht das geringste Gefühl für Kunst haben. Alles Scheiße! Absolut provinziell. Nach wie vor wird alles hier viel zu spät gesehen, viel zu spät erkannt. Eine Inspiration, diese Stadt? Eindeutig nein!“

Die Kölner aber und ihre Mentalität, die mag er, „und wenn das nicht wäre, würde ich hier längst nicht mehr wohnen.“ Was vielleicht der Grund ist dafür, daß er in jener Szene im abendlichen Treppenhaus alle seine Rollen simultan vorgeführt hat. Frei nach Elias Suppengrün.