Von Marion Gräfin Dönhoff

Ich weiß, man bespricht nur neu erschienene Bücher; das, über welches ich berichten will, trägt aber das Erscheinungsdatum 1914 und beschreibt den Zeitabschnitt von 1847 bis etwa 1912, und zwar im Raum von Lübeck. Der Autor ist Heinrich Dräger, der Urgroßvater des heutigen Chefs der weltbekannten Dräger-Werke in Lübeck.

Seine Schilderung der Lebensumstände in jenem Teil der Welt, der durch die sogenannten Vierlande sowie Hamburg, Lübeck und Bergedorf eingegrenzt ist, erinnert gelegentlich mehr ans Mittelalter denn an die Neuzeit. Darum hat sie bei mir den Wunsch nach "Besprechung", vielmehr "Mitteilung" wachgerufen.

Dräger schreibt: "Die Politik war in Kirchwerder eine unbekannte Größe. Zeitungen wurden nur wenige und meist nur im Winter – vor 1884 wohl überhaupt nicht – gelesen. Was ging den Vierländer an, was außerhalb seines Landes passierte. Und doch hat die 48er Bewegung auch hier eine Welle die Elbe flußabwärts gesandt, die die Gischt über den Deich spritzte und die Kirchwerder Einwohner infizierte. Mit einemmal hatte Kirchwerder seine Revolution. Die Gemüter waren bis zum Sieden erhitzt. Nach dunklen Gerüchten sollte jemand dort folgende Rede gehalten haben: Jungs, so geit dat nich wieder. Wie möt alltosam mal nah’n Nor’en (Bergedorf) und möt dann Ohl’n (Amtsverwalter) dwingen, dat he ’ne Änderung schafft. De Frön (die Fremden) möten utten Lan’.‘ Diese fulminante Rede entfachte einen fürchterlichen Beifallssturm. Die alkoholisierten Einwohner brüllten und zerschlugen Flaschen. Es wurde verabredet, daß am nächsten Tag die Eroberung Bergedorfs vor sich gehen sollte; jeder habe sich zu bewaffnen, so gut er könnte."

Natürlich wurde nichts daraus, weil, in Bergedorf angekommen, den Revolutionären der Mut verging. Aber man sieht, daß Ausländerfeindlichkeit nichts Neues ist und daß Alkoholisierung als Vorstufe offenbar dazugehört.

Einen regelmäßigen Postverkehr gab es in diesem Gebiet nicht. Dräger schildert, daß es dort als Schande galt, einen Brief zu bekommen: "War dieses Unglück über jemanden hereingebrochen, so steckten die Nachbarn die Köpfe zusammen und mutmaßten die schrecklichsten Dinge. Ich erhielt einmal als 17jähriger Jüngling in Gegenwart meiner Mutter und einer Nachbarin eine Zuschrift. Zornentbrannt entriß meine Mutter mir den Brief und gab ihn der Nachbarin zum Öffnen und Lesen. Zum Glück erwies er sich als harmlos. Meine Mutter aber konnte sich nicht wieder beruhigen. In ihrem ganzen Leben wäre ihr nicht die Schande widerfahren, einen Brief zu bekommen."

Sehr staunt man, daß es einen heute unbekannten Beruf gab, nämlich den Blutegel-Händler. In der Biographie heißt es: "Sie bildeten gleichsam die Hautes-finances. Tauchten sie im Winter mit ihren Schlitten auf, dann verlosch aller Glanz der Bauern. Der Blutegel-Handel hatte sich aus kleinen Anfängen entwickelt. Ich denke mir, daß ursprünglich vielleicht ein Hamburger Apotheker einen Vierländer-Gemüsehändler veranlaßte, ihm aus Vierlanden echte Blutegel mitzubringen. Der Vierländer Vorrat war jedoch bald erschöpft. Da sich aber das Geschäft gewinnbringend gestaltete, wanderte der Gemüsehändler mit einer Kiepe auf dem Rücken weiter bis nach Mecklenburg hinein, immer auf der Suche nach dem echten Blutegel. Dem Pfadfinder folgten andere, schließlich auch mit Pferd und Wagen. In meiner Jugendzeit waren die Händler bis in die Bukowina und bis nach Südrußland vorgedrungen. Da die deutschen Egel-Fundorte sehr schnell erschöpft waren, wurde Rußland alleiniger Egel-Lieferant. Die Blutegel-Fahrer aber hatten sich Wohlstand und Weltgewandtheit erworben; sie waren in ihrer Heimat sehr angesehen."