Von Klaus Bednarz

Er war eine Stütze des Systems und, offenbar, ein Wunder der Anpassung. Nicht weniger als sechs Sowjetherrschern diente er in treuer Pflichterfüllung. Von Nikita Chruschtschow bis Michail Gorbatschow kannte er alle – und manche kannte er gut. Er lebte und arbeitete, wie er selbst formuliert, im "Zentrum der Sowjetpolitik" und galt jahrzehntelang als einer der einflußreichsten Berater des Kreml. Er bekleidete die verschiedensten Positionen in der, wie er nicht ohne Stolz vermerkt, "Elite-Mannschaft des ZK-Apparats" und leitet seit 1967 das Moskauer Institut für USA-Kanada-Studien.

Für westliche, vor allem angelsächsische Politiker, Wissenschaftler und Journalisten war er in Moskau der wohl am häufigsten offiziell zugewiesene Gesprächspartner, das Sprachrohr des Kreml, wenn es darum ging, den sowjetischen Standpunkt in der Weltpolitik darzulegen. Und er war der Mann, der sich trefflich eignete, dem mißtrauischen Ausland zu demonstrieren, daß auch Kommunisten mit Messer und Gabel umgehen können. Von hoher Intelligenz, selbstsicher, weltgewandt, polyglott – mit seinem Vater, einem kommunistischen Parteifunktionär, hatte er fünf Jahre in Deutschland gelebt, später in Moskau Amerikanistik studiert; einer der Vorzeigeintellektuellen des Kreml, ein Mann, der sich wie kein anderer in die politischen Denkweisen des Westens versetzen konnte und in der Geschichte der USA und Deutschlands besser bewandert war als mancher seiner Gesprächspartner, die aus diesen Ländern angereist kamen.

Nun hat es den 1923 in der Nähe von Odessa geborenen Georgi Arbatow gedrängt, seine Memoiren zu schreiben. Die Lektüre des Buches hinterläßt zwiespältige Gefühle. Zweifellos ist es eine Fundgrube für Historiker – vor allem wenn es darum geht, die Entwicklung der amerikanischsowjetischen Beziehungen seit Ende des Zweiten Weltkriegs nachzuzeichnen. Der Bruch mit China, die sowjetische Kuba-Politik, der Beginn und das Ende der Entspannungspolitik, der Einmarsch in Afghanistan, die Neuorientierung der Außenpolitik unter Gorbatschow – all dies sind Phasen der sowjetischen Geschichte, an deren Gestaltung Arbatow – wenn auch in unterschiedlichem Maße – unmittelbar Anteil hatte. Doch wichtigstes Anliegen seiner Biographie ist das Aufzeigen der inneren Machtstrukturen des Polit-Apparats und des Zerfalls des Sowjetsystems vom Tode Stalins bis zum Machtantritt Jelzins. Hier gelingen Arbatow einige faszinierende Schlaglichter auf die führenden Persönlichkeiten des Kreml, allen voran auf Leonid Breschnjew und Jurij Andropow, mit denen er besonders eng zusammenarbeitete. Wohl nirgends sonst ist die fast krankhafte Affinität Breschnjews zum Militär eindrucksvoller beschrieben, wird die psychische Struktur Andropows differenzierter geschildert als bei Arbatow.

Mit mehr als nur einem Fragezeichen allerdings ist das Bild zu versehen, das Arbatow von sich selbst zeichnet. Zwar sieht er die Versuchung aller Memoirenschreiber, die eigene Person zu idealisieren, dennoch erliegt er ihr streckenweise nicht nur auf ärgerliche, sondern fast abstoßende Art.

Schon immer, so suggeriert er, sei er ein "Reformer innerhalb des Systems" gewesen, eine Art "Revisionist, nicht wirklich auf Parteilinie". Die Institute, in denen er arbeitete und denen er vorstand, seien "Oasen des offenen Denkens" gewesen, in denen "die Idee der Gerechtigkeit und auch der Demokratie lebte". Daß diese Institute aber auch die von Partei und KGB gesteuerte intellektuelle Speerspitze im politischen und ideologischen Kampf mit dem "Klassenfeind" waren, scheint Arbatow zu verdrängen.

Heute brüstet sich Arbatow, im Frühjahr 1988 auf Vorschlag der Akademie der Wissenschaften "zusammen mit Andrej Sacharow" in den Volksdeputiertenkongreß gewählt worden zu sein. Jenem Andrej Sacharow, über den er sich in einem anderen – ebenfalls auf deutsch erschienenen – Buch vor zehn Jahren lustig gemacht hatte: "Friedensnobelpreis, wie seltsam das auch klingen mag" (Georgi Arbatow: Der sowjetische Standpunkt, 1983).