Aber warum Münster? Um diese Frage zu beantworten, muß man sich nicht lange umsehen, ist doch Münster überschaubar genug, daß die im vertrauten Stadtbild häufig irritierend plazierten Skulpturen einfach auffallen mußten. Was in Metropolen wie Berlin, München oder Köln kaum wahrgenommen würde, weil es sich in diesen Städten als Provokation verflüchtigt, bekam in der Enge Münsters eine besondere Qualität. Das Nest als effektiver Konflikt-Raum. Die Provinz als produktiver Resonanzboden.

Münster, ein Dorado der Kunst-Kommunikation? Ein Paradies der Debatten? Langsam. Nicht so schnell. Ist es nicht doch auch so, daß sich so mancher Bürger allein schon durch die Chillida-Betitelung „Toleranz durch Dialog“ heimtückisch provoziert fühlt? „Das soll Kunst sein?“ fragt der Westfale immer wieder – sofern Volkes Stimme willig ist, sich vorsichtig auszudrücken. Auch versteht er es, Objekte zu besprühen; ja, so manches schöne Kunstwerk wurde in der Vergangenheit zum Verschwinden gebracht, so manche unlesbare Plastik zwar befingert, aber nicht begriffen.

Nach wie vor irgendwie gebrochen ist das Verhältnis des 1200 Jahre alten Münsteraners zur Moderne. Muß er doch nur mal vergleichen. Etwa mit den vielen gotischen Giebeln in der Stadt. Mit dem gewaltigen romanischen Dom. Dem Barock-Schloß. Unter den vielen Freiplastiken, etwa dem „Peter auf der Mondsichel“, dem „Nepomuk“, dem „Berliner Bär“.

Oder eben dem „Kiepenkerl“. Der ist nun wirklich berühmt innerhalb der Stadtgrenzen. Erinnert an das ländlich-bäuerliche Brauchtum. Viele Menschen in der Stadt sprechen auf den „Kiepenkerl“ stark an – übrigens auch Klaus Bußmann, der Leiter des Westfälischen Landesmuseums und einer der Initiatoren der Skulpturenausstellungen, der das hart erarbeitete „offene Image der Stadt durch Konservatismus, Provinzialität, durch Lodenmantel und ,Kiepenkerl‘“ gefährdet sieht. Man werde, meint Bußmann, „bei den international angesehenen Künstlern unglaubwürdig, wenn sie sehen, wie nach wie vor starke Kräfte in der Stadt den öffentlichen Raum mit Gartenzwergen und Bronzebrunnen möblieren wollen“. Und wenn Bußmann dann noch öffentlich erklärt, die öffentliche Meinung sei „immer noch eine Generation zurück hinter der aktuellen Kunstdebatte“, dann ist das schon auch ein gelungener Beitrag zur Gefühlsaufwallung des Westfalen.

Um so größer die Schmach, als ihm die ständig besserwisserischen Kunstexperten im vergangenen Jahr eine Idee madig machten, die die münstersche Kaufmannschaft, ob des Jubiläums ganz zappelig vor Aufregung, ins Gespräch gebracht hatte.

Ein Pferdekarren, Symbol für Handel und Verkehr, sollte in rustikaler Manier her. Zeitweilig hatte diese Idee der Kaufleute viele einflußreiche Freunde in der Stadt, hat sich doch Münsters Kaufmannschaft schon immer als die Quintessenz Münsters begriffen. Keine hundert Meter Luftlinie entfernt von der Skulptur Chillidas, war der Karren bewußt gedacht als die lokale, nämlich 12 Meter lange und 2,20 Meter hohe Antwort auf die Plastik des Weltbürgers. Und dabei war sogar egal, daß der Symbolgehalt des Karrens den Abstraktionsgrad von Verkehrsschildern niemals übertroffen hätte. Was man aber von der Skulpturenproduktion in anderen Städten auch behaupten kann. Was also ist in Münster, dieser kleinen Großstadt und großen Kleinstadt, so anders?

Münsters Zentrum, darin ganz kleine Stadt, ist noch heute Arbeitsplatz des alteingesessenen Bürgers, des Juweliers und des Buchhändlers, des Heilpraktikers, des Rechtsanwalts und der Inhaber der Schuh- und Bekleidungsgeschäfte. Da hier nicht, wie andernorts, Banken und Versicherungen siedeln konnten, ist die Identifikation mit dem historischen Stadtkern nach wie vor stark ausgeprägt. Diese hegt der münstersche Kaufmann wie ein nobles Vorrecht – was eine gar so aufreibende Besitzstandswahrung nicht ist. Denn das Privileg, es wird ihm kaum streitig gemacht. Fühlt sich doch das akademische Münster solchen trivialen Anwandlungen unendlich überlegen.