Von Fredy Gsteiger

Teheran

Der Tee ist heiß und süß. Die Melonen schmecken knackig frisch. Hojatoleslam Said Hossain ist ein liebenswürdiger Gastgeber und ein liebevoller Vater. Der sechsjährige Sohn darf während des Gesprächs an seinem Bart zupfen. Said Hossain ist überdies ein Nachfahre des Propheten Mohammed, was sein schwarzer Turban zu erkennen gibt. Er unterrichtet an der berühmten Koranschule Medrese Feyazia in der heiligen Stadt Ghom. Said Hossain ist stolz auf sein von Chomeini persönlich unterzeichnetes Diplom. Es hat einen Ehrenplatz im Gästezimmer. Der 43jährige ist ein leutseliger Debattierer und wirbt redegewandt für sein Islamverständnis. Doch dann, ganz unvermittelt, äußert er mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht den für westliche Ohren ungeheuerlichen Satz: "Natürlich muß Salman Rushdie getötet werden. Wenn er die Religion beleidigt, darf ich ihm nicht vergeben."

Zwei Busstunden nördlich von Ghom bereiten solche Aussagen einem Mann schweres Kopfzerbrechen. Er residiert in einem bescheidenen, aber streng bewachten Haus im Herzen von Teheran: Ali Akbar Haschemi Rafsandschani weiß, daß die Mordrufe aus Ghom seine Bemühungen hintertreiben, den Iran wieder in den Schoß der Völkergemeinschaft zu führen.

Ende dieser Woche muß sich der Staatspräsident zur Wiederwahl stellen. Daß er sie gewinnen wird, ist sicher. Zwar gibt es offiziell drei vom Wächterrat zugelassene Herausforderer. Doch es lohnt nicht einmal, die Namen des ehemaligen Arbeitsministers, des Universitätsrektors oder des ehemaligen Abgeordneten anzuführen. Weder sind es charismatische Figuren, noch stehen sie für eine politische Alternative – dafür sorgt das Auswahlverfahren. Gleichwohl wird Rafsandschani keinen wirklichen Sieg davontragen. Denn seine wahren Widersacher stehen nicht auf dem Wahlzettel. Sie sitzen in Ghom. Und sie sorgen dafür, daß der lange Schatten Chomeinis weiterhin den keimenden Teheraner Frühling verdunkelt.

"Ich bin eine revolutionäre Figur", meinte Rafsandschani kürzlich. Ganz falsch ist das zwar nicht; immerhin hat der heute 58jährige lange Jahre in den Kerkern des Schahs geschmachtet. Früh reihte er sich in die Jüngerschar um Chomeini ein. Zum streng religiösen Establishment gehörte er jedoch nie, auch wenn er den Titel eines Hojatoleslam trägt. Die Ajatollahs von Ghom wahren Distanz zum allzu weltlichen Sohn eines Pistazienhändlers, der später im Grundstücksgeschäft erkleckliche Summen scheffelte und beste Beziehungen zu den Teheraner Basari pflegt. Nach dem Tod des Imams 1989 brauchten aber die Ajatollahs den Mann mit den listigen kleinen Augen als Manager für das Alltägliche, während sie sich um das Ewige kümmerten.

"Ein Gemäßigter an der iranischen Spitze!" jubelten Beobachter vorschnell. Die Warnungen der persischen Untergrundopposition, die im Finanzier und Theoretiker des Chomeinismus allenfalls einen schlauen Taktierer und ausgebufften Machtpolitiker sahen, verhallten ungehört. Anders aber als Chomeini, der Ökonomie als "Angelegenheit für Esel" abtat, kennt Rafsandschani deren Wichtigkeit. Er kauft ungeniert auch Güter des großen Satans Amerika, nimmt westliche Kredite auf und versucht zur Zeit, den Wechselkurs des Rials freizugeben. Da stört natürlich das Mordgeschrei der Eiferer. Unermüdlich verkündet Rafsandschani daher, das "Rushdie-Problem" wäre längst vergessen, wenn nicht westliche Stimmen es immer wieder hochkochen ließen. Den Mut, den Hetzern offen entgegenzutreten, bringt er freilich nicht auf.