Von Warnfried Dettling

"Das Umgrenzte gehört zur Natur des Guten."

Aristoteles

Die Ökonomie stand nicht im Mittelpunkt seines Denkens. Manche bezweifeln sogar, ob die drei Bücher über Hauswirtschaft, die als Aristotelisch überliefert sind, tatsächlich von ihm stammen. Seine Wirkung jedoch ist unbestritten: Joseph Schumpeter läßt die Geschichte der ökonomischen Ideen mit ihm beginnen, und die schottische Aufklärung, besonders Adam Smith, ist ohne ihn nicht zu denken.

Aristoteles hat der Ökonomie den Namen gegeben (oikonomia) und sie als eigenständige Disziplin auf den Weg gebracht. Dabei hat er sie immer auch im umfassenden Sinne als Gesellschafts-, ja als "moralische" Wissenschaft verstanden. In seinem Denken hat der Homo oeconomicus den Homo politicus noch nicht verdrängt. Undogmatisch, aber moralisch engagiert, wie er war, könnte er einer Zeit Orientierung geben, die in Wissenschaft und Politik wieder auf der Suche nach Maßstäben jenseits der Ökonomie ist.

Aristoteles, neben Sokrates und Platon Begründer der klassischen philosophischen Tradition, wurde 384 vor Christus in Thrakien geboren; er starb im Jahre 322 auf der Insel Chalkis. Mit siebzehn Jahren trat er in die Akademie Platons ein, in der er bis zu dessen Tode blieb. Als Erzieher des jungen Alexander von Makedonien kam er auch mit praktisch-politischen Fragen in Berührung. Später gründete er seine eigene Schule.

Seine Philosophie entwickelte er in kritischer Auseinandersetzung mit Platon. Auf einzigartige Weise durchdringen genaue Beobachtung, theoretische Reflexion und spekulatives Denken sein gesamtes philosophisches Werk: die logischen, die naturwissenschaftlichen und die ethischen Schriften. Etjiik, Politik und Ökonomie werden zusammengedacht als Teile einer "praktischen Philosophie", deren Thema immer wieder die Frage nach dem "guten Leben", nach dem Glück der Menschen, nach der bestmöglichen Ordnung des Gemeinwesens ist. So begründete er eine Tradition, die bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts selbstverständlich war. Noch Adam Smith bezeichnet im "Wohlstand der Nationen" seine politische Ökonomie, in gut aristotelischer Tradition, als "Zweig der Wissenschaft des Staatsmannes und des Gesetzgebers". In dieser Tradition spielt die Ökonomie eine wichtige, aber nicht die wichtigste – und schon gar nicht die entscheidende – Rolle. Sie hat eine dienende Funktion, sie leistet einen Beitrag zum Gelingen des Gemeinwesens, nicht mehr und nicht weniger.