Als sich der Widerstand versteifte, reagierte die Partei, wie später selbst Grotewohl zugeben mußte, "in reichlich tölpelhafter, anmaßender und administrativer Weise": Der Berliner Oberbürgermeister Ebert verbat sich dergleichen Störungen des Neuen Kurses, und der Wirtschaftssekretär der Berliner SED-Bezirksleitung, Bruno Baum, polterte vor den Bauarbeitern: "Wer sich vom Klassenfeind zu Aktionen gegen die Normen mißbrauchen läßt, fliegt!"

Natürlich versuchten Gewerkschaftler, Bauleiter und Genossen am Morgen des 15. Juni, die brodelnde Stimmung auf den Berliner Großbaustellen abzufangen. Ganz so wie 1905 die Petersburger Arbeiter an den Zaren, sollten auch die Arbeiter der Baustelle Friedrichshain eine brave, ehrerbietige Bittschrift an Ministerpräsident Grotewohl richten, wie sie ihnen der Betriebsgewerkschaftsleiter Max Fettling empfohlen hatte. Doch die Belegschaft setzte dann doch eine Verschärfung des Textes durch: Aus der Bitte, die Normen zu senken, wurde eine Forderung, und sie wollten auch nicht vier Tage warten, sondern sofort eine Antwort. Fettling unterschrieb den Brief und – Ordnung muß sein – setzte auch noch den Gewerkschaftsstempel darunter. Dieses kollegiale Verhalten wird ihn für zehn Jahre ins Zuchthaus bringen.

Grotewohl antwortet nicht; statt dessen läßt Walter Ulbricht am anderen Morgen im Gewerkschaftsblatt Tribüne einen Durchhalteartikel des FDGB-Sekretärs Otto Lehmann einrücken. Darin heißt es, die Erhöhung der Arbeitsnormen sei "in vollem Umfang" richtig und "mit aller Kraft durchzuführen". Außerdem schickt die IG Bau-Holz am 16. Juni früh Instrukteure auf die Baustellen, wo man ihnen empört die Tribüne vor die Nase hält. Die Funktionäre drehen ungerührt ihre Gebetsmühlen: "Erst mehr arbeiten, dann besser leben."

Nun reicht es den Arbeitern. Um neun Uhr setzen sich die ersten vierzig Mann vom Block 40 nahe der Stalinallee in Bewegung. Der Steinmetz Günter Sandow findet ein altes rotes Tuch, auf dem am 1. Mai eine freiwillige Normenerhöhung propagiert wurde, und malt rasch auf die Rückseite mit Weißkalk die erste Losung des Tages: "Wir Bauarbeiter fordern Normensenkung." Das Transparent tragen die Kollegen bei einem kleinen Rundmarsch voran. Spontan legen auch auf anderen Baustellen Arbeiter ihr Gerät aus der Hand und schließen sich an. Maurer, Putzer, Hucker, Stukkateure, Steinholzleger, Steinmetze, Hilfsarbeiter, Lehrlinge steigen vom Gerüst, so wie sie sind, in ihrer weißen Arbeitskleidung und in Holzpantinen. Schließlich sind es 2000 Bauarbeiter, die ihren berühmten langen Marsch durch die Stadtmitte antreten.

Die Demonstranten haken sich ein und skandieren "Kollegen, reiht euch ein, wir wollen freie Menschen sein!" Und alle, alle folgen dem Ruf: Straßenbahner halten an und steigen mit ihren Fahrgästen aus; die Männer der Müllabfuhr lassen ihre Wagen stehen; Angestellte und Beamte strömen aus den Läden und den Büros hinzu, und bald laufen auch Passanten mit. Aus den Fenstern der Mietshäuser winken die Einwohner.

Wie es sich gehört, geht’s zuerst zum FDGB-Haus in der Wallstraße. Dort hat man, längst abgehoben von den Massen, die Scherengitter heruntergelassen – die Bonzen kneifen. Weiter geht’s. Die Volkspolizei läßt sich kaum blicken. Am Straßenrand stehen jedoch Stasi-Leute; die Bauarbeiter passen auf und nehmen ihnen die Filme aus den Kameras. Immer größer und länger wird der Zug; ruhig und mit unaufhaltsamer Zielstrebigkeit wälzt er sich über den Alexanderplatz, den Lustgarten, die Linden- und die Friedrichstraße zur Leipziger Straße, bis er vor dem Haus der Ministerien anhält, dem ehemaligen Reichsluftfahrtministerium Hermann Görings, wo heute die Treuhand sitzt.

Die Zehntausend verlangen nach Grotewohl oder Ulbricht. Beide sind nicht im Hause, sondern, was die Streikenden nicht wissen, bei der Politbürositzung im Parteigebäude an der Wilhelm-Pieck-Straße 1. Dorthin begeben sich nun der Agitationssekretär Heinz Brandt, einer aus der stillen Opposition der Partei, und sein Kollege Baum. Sie bitten Herrnstadt und andere dringend, die Normenerhöhung zu widerrufen. Erst nach Stunden ringt sich das Politbüro einen verdrechselten Beschluß ab, den man zweimal lesen muß, um zu erfahren, daß auch wirklich die unselige Normenerhöhung aufgehoben ist. Sinnigerweise fordert man die Arbeiter auf, sich jetzt um Partei und Regierung zu scharen.