Letzte Worte – Seite 1

Von Klaus Hartung

Eine Parlamentarierdelegation von Bündnis 90/Grüne ist aus Zentralbosnien zurückgekehrt. Sie berichtete, und ihre Berichte wirkten. Am Wochenende hat der Länderrat, das höchste Beschlußorgan der Partei zwischen den Parteitagen, eine Abkehr von der reinen Lehre des Pazifismus beschlossen. Eine Zweidrittelmehrheit legte fest, daß gegenüber der Gewaltfreiheit der Schutz der Menschenrechte als "ein gleichrangiges Prinzip" angesehen werden müsse. Wenn es darum geht, "das nackte Überleben der Menschen zu sichern", kann "nicht jeder Einsatz von Gewalt von vornherein ausgeschlossen werden". Nicht mehr prinzipiell, sondern im Einzelfall soll das Parlament entscheiden.

Ein politischer Erfolg der Delegation also. Aber Vera Wollenberger, Gerd Poppe, Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90, und Marieluise Beck, grüne Parlamentarierin aus Bremen, scheinen ihn gar nicht zu sehen. Es sind die Schocks der Rückkehr; der Gegensatz zwischen der Zeit, die in Bosnien verrinnt, und der Zeit der ideologischen Prozesse in Deutschland. Petra Morawe aus Berlin, eine Reiseteilnehmerin: "Als die Granaten in Vitez niedergingen, brauchte ich kein Valium; aber bei der Grünen-Diskussion in Bonn mußte ich es nehmen."

Mitgebracht hat die Delegation nicht nur ein Bild der Lage, sondern auch letzte Worte. Ein Stadtverordneter von Zenica, Exkommunist und Professor der Metallurgie, überreichte Frau Wollenberger drei seiner wissenschaftlichen Werke mit der Bitte, sie an westdeutsche Kollegen weiterzuleiten: "Da uns die Welt verlassen hat, grüßen wir sie. Wir waren Teil der europäischen Zivilisation." Die Leiterin des Zentralen Waisenheims, Agsa Klico, berichtete, daß ihre 200 Kinder hungern. Die deutschen Parlamentarier wollten sich persönlich verpflichten, die Versorgung zu sichern. Die Leiterin anwortete ruhig. "Das wird nicht nötig sein. In sechs Monaten gibt es uns nicht mehr."

Das Bild der Lage? Die grünen Politiker sprachen mit Opfern, Tätern, Beobachtern, mit UN-Profor-Offizieren, EG-Monitoren, Führern der bosnisch-kroatischen Miliz, mit Vertretern der Stadtverwaltung und des Parlaments von Zenica, mit serbischen, kroatischen, muslimischen Parteipolitikern und auch mit Mate Boban, dem Präsidenten der selbsternannten Republik "Herceg-Bosna".

Die Darstellungen stimmten überein. Mittelbosnien, durch eine dünne Nabelschnur noch mit Split verbunden, im Osten von der serbischen Front bedroht, wird von Westen her endgültig abgeschnitten und durch die kroatischen Verbände ethnisch gesäubert. "Gewaltsame Umsetzung des Vance-Owen-Plans", nennt Mate Boban seine Strategie. Die bosnischen Kroaten praktizieren die ethnische Säuberung – verglichen mit den Serben – "elastischer": durch Abschnüren der Versorgung und täglichen Terror.

So schießt ein Geschütz in Vitez, das 500 Meter entfernt von einem UN-Stützpunkt postiert ist, täglich ein paar Granaten nach Zenica. Auf dem Weg in die mittelbosnische Stadt passierte die Delegation die leeren Hausmauern des Straßendorfs Ahmici. Im April wurde es von kroatischen Milizen überfallen. 127 Bewohner wurden regelrecht geschlachtet. Der Imam wurde an die Moschee genagelt und, zusammen mit seiner Frau, verbrannt.

Letzte Worte – Seite 2

Daß es trotz allem noch eine multikulturelle bosnische Gesellschaft gibt, war der eigentliche Schock für die Reisegruppe. Berichtet wird vom Abglanz der Gastfreundlichkeit, der intellektuellen Offenheit und der Anziehungskraft eines laizistischen Islam. Einige Teilnehmer, die sechs Wochen vorher Bosnien zur Vorbereitung besucht hatten, erschraken nun über die vielen traumatisierten Menschen. "Alle verbergen eine Art Grundzittern."

Die gemischten Stadtverwaltungen von Kroaten, Muslimen, Serben funktionieren noch. Betont wird, daß Waisenkinder von Tschetniks genauso selbstverständlich wie alle anderen Kinder versorgt werden. Ein Überlebender des Massakers von Ahmici, der Tage später einige Täter umbrachte, wurde, wie es sich gehört, in Zenica angeklagt. Aber diese Zivilisation steht vor dem Zerfall.

Eine Woche dauerte die Reise. Gerd Poppe kam es vor, "als ob Jahre vergangen sind". Es war (abgesehen vom Besuch Freimut Duves in Tuzla) die erste Bundestagsdelegation, die Mittelbosnien bereiste – und wohl auch die letzte. Inzwischen ist das Gebiet vollends eingekesselt. In den letzten Tagen berichten Faxsendungen aus Zenica von der Zunahme des Artilleriebeschusses.

Die Forderungen der Delegation bündeln sich in einem einfachen Resümee: Mittelbosnien muß zur Schutzzone erklärt werden. Versorgungskonvois müssen geschützt, die Wege geöffnet werden. Das UN-Mandat muß erweitert werden. "Unzumutbar" sei es für die UN-Soldaten, daß sie, wie in Ahmici, die Schreie der Opfer anhören mußten, ohne eingreifen zu können, meint Gerd Poppe.

Die Zeit verrinnt. Die Rückkehrer antichambrieren im Kanzleramt, im Außenministerium, sie planen Reisen nach Washington, nach New York zu den Vereinten Nationen. Wenn jetzt nichts geschehe, dann ist für Marieluise Beck die humanitäre Hilfe nichts anderes als die "Päckchen für das Warschauer Ghetto", die ankamen, als es von den Deutschen niedergebrannt wurde.