Von Rolf Michaelis

Ein Sonntagmorgen im Sommer. Ganz Hamburg an der Ostsee, denkt man, aus dem U-Bahn-Schacht am Stephansplatz wieder in die Sonne kriechend. Die älteren Herrschaften beim Spaziergang an der Alster, die wetterfesten an der Elbe, die seetüchtigen vor Travemünde oder zwischen Cuxhaven und Helgoland kreuzend. Aber nein: Hamburg ist brav, doch fiebernd zu Haus. Als ob eine Premiere lockte, strömen die Leute, alt und jung, zur Gottesdienstzeit, 11 Uhr, in die Staatsoper. An einem Sonn- und Feiertag treibt ein so alltäglicharbeitsmühseliger Termin wie "Ballett-Werkstatt" die Leute ins Theater. Am Eingang noch wollen junge Leute uns die Eintrittskarte abschwatzen. Rappelvoll das Haus, sonntags, elf Uhr.

Was sehen wir, noch ehe die Matinee begonnen? Die Tänzerinnen und Tänzer des Hamburger Balletts machen sich warm: dehnen und biegen die Glieder an der Stange, machen Kniebeugen, riskieren erste Schritte, einen kleinen Sprung. Ein Klavier klimpert. Eine Ballett-Meisterin korrigiert freundlich Haltungsfehler. Und dazu pilgern die Leute in ein dunkles Theater? Dazu.

John Neumeier, Tänzer-Choreograph und seit zwanzig Jahren Ballett-Direktor am Hamburger Opernhaus, hat seine Verbeugung vor dem ihn mit Beifall umarmenden Publikum noch gar nicht gemacht, hat noch keinen erklärenden Satz ins Mikrophon gehaucht: schon fühlen sich die Hamburger, einmal doch, als Teil des Balletts, das Neumeier berühmt gemacht hat. Man ist nicht mehr bloß Zuschauer, man gehört dazu. Was wäre die wunderbare Truppe, wenn wir ihr nicht, alle Vierteljahre, den Rücken stärkten – gegen sparwütige Politiker, intrigante Intendanten, auswärtige Neider, einheimische Kritiker, vielleicht sogar gegen Anfälle von Verzagtheit in den eigenen Reihen. Kein Fan-Fest. Wer gekommen ist, weiß: hier ist Neues zu sehen, zu hören, zu erleben. Hier ist etwas zu lernen.

Dies ist das schönste, was John Neumeier in zwei Jahrzehnten der Arbeit in Hamburg gelungen ist: Ja, er hat ein Ensemble geschaffen, das zu den besten der Welt gehört; hat eine Ballett-Schule gegründet, um die ihn die Konkurrenz in aller Welt beneidet – ein Wunder aber hat er bewirkt bei den als spröd und kühl und sachlich und kunstfern verschrienen Hanseaten.

John pfeift – ach was: John flüstert in seinem (auch nach drei Jahrzehnten in Deutschland unkorrigierbaren, unwiderstehlichen) Germano-Anglo-Amerikanisch –, und die Hamburger tanzen an, folgen selig dem charmanten Kommando zur Kunst. Ein einziger Künstler und sein – sagen wir ruhig mal: Charisma – hat eine ganze Stadt in Tanzrausch versetzt.

"Wer ist der neue Wundermann?" – fragt eine Hamburger Gazette, als der Sohn eines Kapitäns der Dampfschiffahrt vom Michigansee, geboren 1942 in Milwaukee/Wisconsin, vor zwanzig Jahren in Hamburg seine Arbeit beginnt. 1969 war Neumeier, mit 27 Jahren, in Frankfurt am Main Deutschlands jüngster Ballett-Direktor geworden. Jetzt, vier Jahre später, fühlt sich die rasch wachsende Zahl seiner Verehrer(innen) von der norddeutschen Tiefebene auf den Olymp versetzt: "Er hat den braungelockten Kopf eines griechischen Junggotts. Seine dunklen Augen sprechen nicht minder als seine feingliedrigen Hände", schwärmt das Lokalblatt.

Auf Rausch folgt Kater. Neumeier hat auch dies erlebt, durchlitten. Nach einer Auslandstournee titelt die tageszeitung: "Es wabert in Herrlichkeit, Amen" über Bachs "Magnificat", das Neumeier, nach der Premiere in Avignon, in der Hauptkirche St. Michaelis zelebriert. Dort, im Gotteshaus, hat er auch die bessere, weil dramatisch aufregende Tanz-Elegie der "Matthäuspassion" herausgebracht, die während der Ballett-Tage zum Jubiläum Neumeiers wieder vor Altar und Kruzifix des "Michels" getanzt wurde – ergreifend schon deshalb, weil Neumeier selber die Rolle des leidenden Erlösers tanzt, zu Ehren des an Aids gestorbenen Solisten der Truppe, Jeffrey Kirk.

Da erinnern wir uns an den Titel des Gedichtbandes, den der Hamburger Lyriker Gustav Falke (1853 bis 1916) vor genau einem Jahrhundert veröffentlicht hat: "Tanz und Andacht". Oft ist eine Aura erlesener, leider manchmal auch etwas boutiquenhaft wirkender Einsamkeit um Neumeiers Helden. Träumer sitzen oder liegen an der Rampe. Grübler legen das Tanzbein an die Stirn. Denker im Trikot stürmen nicht adlergleich den Himmel der Utopie, sondern ducken sich unter den Flügeln der Eule der Philosophie.

Und doch ist ein anderes Wort des Lyrikers Falke für den amerikanischen Tanzkünstler und für sein Ballett, in dem Künstler aus aller Welt tanzen, wahr geworden: "Ihr seht goldene Füße tanzen ... und hört das Klingen silberner Harfen." So entzückt sich Falke, wenn er an seine Töchter, Gertrud und Ursula, denkt, berühmte Tanzmeisterinnen und -erzieherinnen vor einem halben Jahrhundert, ohne die "Moderner Tanz" in Hamburg nicht zu denken ist.

Die goldenen Tanzfüße Hamburgs: Neumeier hat sie in zwei Jahrzehnten – und das ist fast schon die Hälfte seiner Lebenszeit – in unermüdlicher, quälend banaler, alltäglicher Schwerarbeit gedrillt und trainiert, gefoltert und veredelt zu einer Perfektion, die das Hamburger Ballett zu einem der bedeutendsten und preiswertesten Exportartikel der Hansestadt gemacht hat – um auch einmal davon zu reden.

Denn jetzt müßte die Stadt, die sich so gern mit "ihrem" Ballett(-Chef) schmückt, ernsthaft überlegen, wie es mit Ensemble, Schule (als Internat) – vor allem, wie es mit dem Künstler weitergehen soll, der dies alles aufgebaut, durch seinen Ruf gesichert und bisher durch eine schier unerschöpfliche Arbeitskraft (fast hundert Choreographien in knapp zwanzig Jahren) garantiert hat.

Augenblick mal: Haben Sie auch was gehört? Da hat doch jemand geseufzt. Tatsächlich: Aus Kontoren und politischen Kabinetten der Hansestadt, die dem Paradies-Vogel "Dschonn" bisher gern Körner, auch goldene, gestreut hat, ist in diesen Rezessionsmonaten Blubbern zu hören. Will die immer noch wohlhabende Hansestadt, der die heimische, überreiche CDU, durch wenig demokratische Mauscheleien an der eigenen Basis, eine millionenschwere Neuwahl vor der Zeit beschert, einem der wenig wirklich internationalen Spitzenkandidaten Hamburger Weltgeltung Schwierigkeiten machen?

Unser seit zwei Jahrzehnten hier lebender Neubürger Herr Neumeier, aus den Staaten, Nachkomme deutscher und polnischer Auswanderer, sagt doch etwas in der, wie man hört, noch immer gültigen, "freien" Marktwirtschaft Selbstverständliches, wenn er auf seine unnachahmlich diskrete Weise, fast schon in der Unmöglichkeitsform, mitteilt: "Ich würde mehr Geld von der Stadt benötigen."

Ja, hat er dies nicht längst sich, seinen Künstlern, der weit über Hamburg wirkenden Schule verdient? Doch das hört unsere Selbstbedienungsgesellschaft nicht gern, wenn ein "Künstler", der sich doch nur für das Schöne, nicht auch das Mögliche interessieren soll, öffentlich darüber nachdenkt, "daß Universitätsprofessoren nach zirka sieben Jahren ein sabbatical year, oder wie man hier sagt, ein Freisemester bekommen: um ein Jahr wegzugehen, um zum Beispiel... Dinge neu zu überdenken."

Neu überdenken: John Neumeier hat es für "seine" Hamburger "Ballett-Tage", die jetzt zum zwanzigsten Mal das Opernhaus füllen, geleistet. Wer gefürchtet hat, ein mit gesundem Selbstbewußtsein gesegneter, natürlich auch mit der ganzen Ausstrahlung seines (Tänzer-)Leibs (zu Recht!) spielender Meister der Körperkunst werde das Jubiläum in eine narzißtische Selbstfeier verwandeln, sieht sich aufs angenehmste überrascht: Nichts da von Großmannssucht.

Dabei hat Neumeier Jahreszahlen erreicht, die überraschen: Sein großer Lehrer und Förderer, John Cranko, hat gerade zwölf Jahre bis zum frühen Tod in Stuttgart choreographieren können. Diaghilews "Ballets Russes"? Gerade zweimal zehn Jahre. Ihren Helden, den noch immer größten Tänzer des Jahrhunderts, selbst für die Zuschauer, die ihn nie auf der Bühne, nur auf Filmbändern kennenlernen können: Waslaw Nijinskij (1880 bis 1950), macht Neumeier auch in diesem Jahr wieder zum Paten der Schlußveranstaltung, der "Nijinskkij-Gala" am 27. Juni, von 17 Uhr bis – wir kennen das schöne Ritual der Beifallsorgien – kurz vor Mitternacht – mit großen Ballett-Künstlern aus aller Welt.

Wichtig neben allem Glanz, auf dem, natürlich, ein Hamburger Ballett-Chef bestehen muß: zu Beginn der Ballett-Tage – kein Paukenschlag, sondern ein sanfter Einstieg. War nicht schon dies Programm: Zum ersten Mal fand die Abschlußprüfung in aller Öffentlichkeit statt. Zum Schaden der jungen Künstler? Müssen sie nicht künftig vor aller Augen bestehen?

Und Neumeier eröffnet die Ballett-Tage nicht mit einem Gastspiel, sondern mit einer Verbeugung vor seinen Schülern: Junge Tänzer(innen), die Neumeiers Schule verlassen, bewähren ihre Kunst an Choreographien, die Neumeier vor zwanzig Jahren geschaffen hat. Drei Ballette von immer noch aufregender Modernität – unter dem Titel "Unterwegs".

Gibt es ein besseres Wort für John Neumeiers Arbeit als "Unterwegs"?