Von Alexander Slavinas

Erster Akt

Ort der Handlung: Litauen (bis 1918 Gouvernement des Zarenreichs; 1918 bis 1940 unabhängige Republik; seit der Annexion Juni 1940 Sowjetrepublik)

Dr. Greffe in der Uniform eines Majors der Waffen-SS. Den Esten und die beiden Letten begleiteten Offiziere niederen Ranges. Der Este entpuppte sich als Dr. Mee, der später von den Deutschen zum Ersten Generaldirektor in Estland ernannt wurde.“ Raschtikis war überzeugt, daß die Deutschen ihn ebenfalls zum Ersten Generalberater ernennen würden.

Bei seiner Ankunft in Kaunas sah der General seine aus der Haft befreite Frau wieder, die 1940 nach seiner Flucht aus Litauen vom NKWD verhaftet worden war, während man ihren Mann zum Vaterlandsverräter erklärt hatte. Danach hatten die Russen seine minderjährigen Töchter zusammen mit anderen Angehörigen nach Sibirien verschleppt. Was mit Raschtikis nach dem Wiedersehen mit seiner Frau geschah, ist nicht geklärt: Hat er, um das Schicksal seiner Töchter fürchtend, die ihm von den Deutschen übertragene Funktion abgelehnt, oder ließ ihn die Gestapo fallen, als sie erfuhr, daß sich seine Kinder in der Sowjetunion befanden? So oder anders, Raschtikis wurde kein Kriegsverbrecher, und seine Memoiren mit dem bescheidenen Titel „Im Kampf um Litauen“ prangen heute in den Regalen litauischer Buchhandlungen.

Die Russen betrachteten das Baltikum lediglich als ein politisch unzuverlässiges Vorfeld, in dem keine entscheidenden Abwehrschlachten geschlagen werden konnten. Unzweifelhaft gehörte die Verteidigung von Kaunas nicht zu den Aufgaben der Roten Armee. Schon am ersten Kriegstag um 12 Uhr mittags verließen die damaligen Führer Sowjet-Litauens, der Apparat des ZK der KP Litauens und der Apparat des NKWD und NKGB Litauens, die Stadt mitsamt den Truppen des NKWD, die sich noch eine Woche zuvor an der Deportation friedlicher Bürger beteiligt hatten.

Am 22. Juni 1941 um 330 Uhr begann die deutsche Wehrmacht ihre verhängnisvolle Offensive gegen die Sowjetunion. Mehr als ein halbes Jahrhundert danach wird in Litauen dieses Datum zum Tag des nationalen Aufstands erhoben. Eingeführt wurde er, als Landsbergis Vorsitzender des Obersten Sowjets wurde, nachdem die Republik 1991 ihre Unabhängigkeit erlangt und rechte Kräfte an die Macht gekommen waren. Eine Straße in Kaunas (Kovno), im Stadtviertel Eigulaiai, trägt jetzt den Namen Schkirpa, den des damaligen „Regierungschefs“. So ist Kaunas die einzige Stadt der Welt, die einen Agenten der deutschen Abwehr, des militärischen Geheimdienstes, als Helden preist.

Seit drei Jahren wird die Geschichte des Juni 1941 in Litauen neu geschrieben. Und Geschichte wird, wie ein englisches Sprichwort sagt, immer von den Siegern geschrieben. Obwohl inzwischen Linksparteien in Litauen regieren, hat sogar Sakalas, einer der Führer der Sozialdemokratischen Partei Litauens, noch jüngst die Juni-Ereignisse einen Aufstand genannt, der vom Blute litauischer Patrioten durchtränkt sei. Er erinnerte daran, daß die LAF (Litauische Front der Aktivisten) im Zweiten Weltkrieg den Partisanenkampf sowohl gegen die Nazis als auch gegen die sowjetischen Besatzer organisiert habe.

„Das Baltikum muß für die UdSSR der Pfahl im Fleische bleiben“, hatte Hitler einmal auf einer geheimen Konferenz in Berlin erklärt. Und Stalin war entschlossen, diesen Pfahl zu entfernen, notfalls auch durch Amputation. Deshalb verabschiedete das Politbüro im Kreml im Mai 1941 eine der streng geheimen Resolutionen „Über die Aussiedlung der sozial fremden Elemente aus den baltischen Republiken“. Als „sozial fremd“ und „konterrevolutionär“ bezeichnet hatte man 14 867 Tautinisten (der nationalistischen Regierungspartei); 1235 Woldemarinisten (der faschistischen Partei); 492 Sozialdemokraten; 1318 Polizisten; 1890 Angehörige zionistischer Organisationen; 2857 deutsche Spione.

Auf der Liste der NKWD standen auch Haus- und Ladenbesitzer, Kulaken (größere Bauern) und andere „konterrevolutionäre Elemente“ wie Mitglieder des Rotary Clubs und des Esperantoclubs, Funkamateure und Briefmarkensammler.

Natürlich tummelten sich niemals 2857 deutsche Spione in Litauen und konnten deshalb auch nicht entdeckt werden. Die aus der Sowjetunion angereisten Mitarbeiter des NKWD, die bei den Säuberungen 1937 Karriere gemacht oder sie überlebt hatten, betrachteten all jene Litauer als Spione, die einmal in Deutschland waren, mit jemandem in Deutschland in Briefkontakt standen, sich irgendwann einmal mit Deutschen getroffen, deutsche Zeitungen abonniert oder „das faschistische Deutschland gelobt“ hatten – nämlich mit Zitaten aus der Prawda von 1939/40.

In den regionalen Stäben, welche die Deportation der Zehntausende organisierten, arbeiteten siebenundsiebzig Personen, von denen dem Namen nach dreizehn Litauer, vier Juden und die übrigen Russen, Ukrainer und Weißrussen waren. Diese ethnische Zusammensetzung wird ein Jahr später für die Juden schreckliche Folgen zeitigen.

Zweiter Akt

Ort der Handlung: Berlin, Kantstraße 141, Litauische Gesellschaft; Hauptamt der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes der SS, Prinz-Albrecht-Straße; Auswärtiges Amt, Stab Ribbentrop, Wilhelmstraße; Abwehr, Abteilung 2, Bendlerstraße

Auf der Bühne erscheint Kazys Schkirpa, ehedem litauischer Generalstäbler und Militärattache, letzter Botschafter seines Landes in Berlin. Im Jahre 1934, als die litauischen Faschisten einen Staatsstreich versuchten, wollten sie Schkirpa zum Premierminister ernennen. Später, 1938, hat er in Klaipeda, dem ehemaligen Memel, die faschistische Organisation Zygis aus der Taufe gehoben; sie hat wiederholt die Deutschen um Waffen und Geld gebeten. Doch die Nationalsozialisten waren an keinem Umsturz in Litauen interessiert, weil sie auf den einflußreichen General Raschtikis gesetzt hatten. Dennoch erhielt die Gruppe Schkirpa mit Zustimmung des Auswärtigen Amts seit dem Sommer 1939 vierteljährlich zwei- bis dreitausend Mark, weil sie die Feindschaft gegen Polen schürte. Viel brachte das nicht ein, etwa zwei bis drei Mark pro Person. Den Rest holten sich diese Faschisten ein paar Jahre später: Goldkronen, weiße Laken und Leuchter im Warschauer Ghetto...

Nach dem deutschen Überfall auf Polen forderte Schkirpa die Regierung in Kaunas auf, an der Seite der Deutschen in den Krieg einzutreten, um das von den Polen annektierte Vilnius/Wilna, die alte litauische Hauptstadt, zu befreien. Gleichzeitig übte der deutsche Botschafter Zechlin Druck aus. Dank der Festigkeit der Christdemokraten im Kabinett und der katholischen Bischöfe kam dieses Abenteuer aber nicht zustande.

Schon vier Tage nach dem Einmarsch der Roten Armee in Litauen, am 20. Juni 1940, traf sich Schkirpa mit Georg Leibrandt, einem Mitarbeiter Ribbentrops, zu einem vertraulichen Gespräch bei einem Mittagessen im Hotel „Eden“. Anfang August 1940 wurden die Gespräche bei mehreren Treffen mit Peter Kleist, einem Ost-Experten Ribbentrops und Mitglied des SD, vertieft. Am 15. August 1940 unterbreitete Schkirpa ihm das Projekt „Der Staat Litauen“, der nach dem Einmarsch deutscher Truppen geschaffen werden sollte. Das alles ereignete sich ein Jahr vor dem Kriegsbeginn im Osten, als noch nichts die „mit Blut besiegelte Freundschaft“ (so die Prawda im April 1940) zwischen der Sowjetunion und Hitler-Deutschland zu trüben schien.

Die Ost-Historikerin Ingeborg Fleischhauer charakterisiert Peter Kleist als einen Menschen, „der auf vielen Klavieren zu spielen verstand“. Während der Verhandlungen mit Schkirpa 1940/41 spielte Kleist auf drei Flügeln. Im August erklangen am lautesten die Nocturnes des Reichsaußenministers Joachim von Ribbentrop. Danach mündeten die lyrischen Melodien ein in die Zweitaktklänge des Hohenfriedberger Marsches, welcher der Lieblingsmarsch des Abwehrchefs, des Admirals Wilhelm Canaris, war. Wagners Apotheose aus dem Ring der Nibelungen lag noch bei SD-Chef Reinhard Heydrich im Safe.

Nach den Verhandlungen mit Kleist formierte Schkirpa aus litauischen Emigranten die paramilitärische faschistische und antisemitische Litauische Front der Aktivisten (LAF). Im Oktober 1940 nahmen deutsche Abwehroffiziere die LAF unter ihre Fittiche. Als Sondergruppe A sollte sie Sabotageakte und die Demoralisierung des sowjetischen Hinterlands vorbereiten.

Am 25. Januar 1941 unterbreitete Schkirpa dem begeisterten Oberstleutnant Grebe von der 2. Abteilung der Abwehr einen Plan zur „Befreiung Litauens“: „Absatz I, Punkt 3. Die deutsche Armee wird als Befreier Litauens und der anderen unterdrückten Völker der UdSSR präsentiert.“ Im Absatz II wurde vorgeschlagen: erstens nach dem Einmarsch der deutschen Truppen einen allgemeinen Aufstand in Litauen zu organisieren; zweitens durch allerlei Sabotageakte den Nachschub der Roten Armee zu unterbinden; drittens den deutschen Truppen als Befreier zu begegnen und alle mögliche Hilfe zu leisten.

Schkirpa wollte freilich den Aufstand in Litauen erst nach dem Einmarsch der deutschen Truppen ausbrechen lassen. Im Januar 1941 hatte er schon die Gestapo gebeten, „sich nicht mit Litauen zu beschäftigen“.

Gekrönt wurde die Zusammenarbeit zwischen Schkirpa und der Abwehr mit dem Eid, den die LAF-Mitglieder, die über die Grenze nach Litauen gesandt wurden, zu schwören hatten:

„Indem ich freiwillig die für die Befreiung meines Vaterlandes (Litauen) vorgesehenen Aufgaben übernehme, verpflichte ich mich freiwillig vor Gott und meinem Gewissen, diese gewissenhaft auszuführen und mich dabei der deutschen Militärdisziplin völlig zu unterwerfen. Zugleich verpflichte ich mich, alles das, was mir anvertraut oder zur Durchführung übergeben wird, völlig geheim zu halten. Diese Verpflichtung übernehmend erkläre ich, daß mir die nach den deutschen Gesetzen zufallende Verantwortung für das Nichteinhalten des Geheimnisses und der Militärdisziplin bekannt ist. Gott segne mich, die von mir übernommenen Aufgaben für das Wohl meines Vaterlandes zu erfüllen.“

Kaum donnerten am 22. Juni 1941 die Kanonen an der Grenze, erklärte sich Schkirpa in Berlin schon zum Premierminister Litauens und gab die Mitglieder seiner Regierung bekannt. Am Tag darauf verlasen Angehörige der LAF, die beim Rundfunksender in Kaunas arbeiteten, eine geringfügig veränderte Regierungsliste. Doch dann gab es ein böses Erwachen für Schkirpa: Der Leiter der Baltikum-Abteilung im Auswärtigen Amt, von Grundherr, bestellte ihn zu sich und mißbilligte entschieden, daß in Litauen ohne Wissen des Amtes eine Regierung gebildet worden sei. Am 25. Juni wurde Schkirpa zur Gestapo bestellt, wo ihm Kommissar Legat mitteilte, er stehe unter Hausarrest: Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen.

Schkirpa wandte sich an die Abwehr, ohne Erfolg. Niemand wollte mit ihm sprechen. Er bat Generalfeldmarschall von Brauchitsch, den Oberbefehlshaber des Heeres, in einem Telegramm um die Erlaubnis, zur Beisetzung einiger gefallener LAF-Mitglieder nach Litauen reisen zu dürfen – umsonst. Im Ostland war kein Platz für einen litauischen Premier.

Auf der Bühne erschien der Flügel. Am Flügel saß Peter Kleist. Als Klavierstimmer hatten Leutnant Kurmis und Major Greffe vom Sicherheitsdienst der SS den litauischen Armeegeneral Stasys Raschtikis erkoren, den Schkirpa zum Verteidigungsminister ernannt hatte. Sie erklärten ihm, er sei den Deutschen als guter Litauer und Soldat bekannt, und brachten ihn zu einer Villa in der Kurfürstenstraße, wo Kleist auf dem scheppernden zimtfarbenen Flügel ein leichtes Begrüßungsintermezzo spielte. Greffe pochte leise, als Zeichen seiner Zustimmung, mit zwei Fingern auf dem Tisch. General Raschtikis hörte zu. In seinen Memoiren versucht er mühsam, seinen Bruch mit Schkirpa zu erklären. Er habe sich, ganz nach der Art englischer Gentlemen, nicht von Schkirpa verabschiedet, als er von Berlin nach Litauen fuhr. Es stimmt, daß englische Gentlemen vom Tisch aufstehen, wann es ihnen beliebt, aber Raschtikis reiste auf Befehl der Gestapo nach Litauen.

Vor dem Abflug am 27. Juni 1941 hatte sich am Flughafen Tempelhof schon eine Gruppe von Passagieren versammelt: zwei Letten, ein Este und ein Litauer, alle in Begleitung von SS-Männern. General Raschtikis stellte zufrieden fest: „Für jede Nationalität gab es zwei Begleiter. Mich begleitete

Dritter Akt

Orte der Handlung: Brücke über den Nemunas; Brücke über die Neris; die Shell-Garage auf dem Vytautas-Prospekt in Kaunas; namenlose litauische Dörfer

Zu den Aufgaben der sogenannten Division Brandenburg gehörten auch von der Abwehr vorbereitete getarnte Unternehmen im Bücken der feindlichen Front. Sie mußten alle für de eigene Kriegsführung wichtigen Brücken, Eisenbahnknotenpunkte und Industrieanlagen vor Zerstörung durch den Feind bewahren. Um diese Aufgaben in Kaunas zu erfüllen, wurden einen Tag nach Kriegsbeginn Fallschirmgruppen aus der litauischen Einheit der Division Brandenburg abgesetzt. An der Spitze einer dieser Gruppen stand der Pilot und Reserveleutnant Dschenkajtis, Mitglied der LAF. Er sollte mit seinen Saboteuren, getarnt durch Mäntel der Roten Armee, die Brücke über den Nemunas einnehmen. Weil die Rote Armee sie für den Rückzug aus dem Grenzrayon benötigte, war sie noch unzerstört. Bei einem Feuergefecht um die Brücke wurde Dschenkajtis getötet. Seine Soldaten legten die sowjetischen Mäntel ab und trugen Zivil, aber mit der weißen Armbinde, die sie als freiwillige Widerstandskämpfer bezeichnen sollte. Die Brücke über die Neris wurde von einer anderen Sabotagegruppe erobert. Den Befehl hatte sie von dem Rundfunksender Brandenburg erhalten. Vereinzelt eröffneten die LAF-Männer ungeordnet und unorganisiert das Feuer auf fliehende Einheiten eines sowjetischen Baubataillons. In der Regel schossen sie aus Fenstern, von den Dächern und von den Torbögen.

Diese Scharmützel – das, was man den „Aufstand“ nannte – hatten keinerlei Bedeutung für die militärische Lage. Für die Einnahme von Kaunas wurde der deutsche Generaloberst Wilhelm von Küchler mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet. Er hatte die Rote Armee durch ein Umgehungsmanöver gezwungen, die Stadt kampflos zu räumen.

Den deutschen Angriffstruppen folgten unmittelbar die Einsatzgruppen des SD, um die „bolschewistischen Elemente“ und die Juden zu liquidieren. Doch wer zu den Bolschewiki zählte, war schon vorher entweder evakuiert worden oder zu den Partisanenabteilungen gegangen. In den Städten und Dörfern blieben jedoch die Juden zurück. Über Jahrhunderte hinweg hatten sie keinen bewaffneten Kampf geführt und in einer anderen Welt gelebt. Doch am 23. Juni 1941 um 10 Uhr morgens, als Radio Kaunas die Bildung der vorläufigen Regierung bekanntgab, erklärte der Vertreter der LAF, Prapuolenis, in einer Ansprache an das litauische Volk: „Litauen muß von den Juden gesäubert werden. Von dieser Minute an hat das Leben eines Juden keinen Wert mehr.“ Diese Worte fielen vor dem Einmarsch der deutschen Truppen in Kaunas und vor der Ankunft der SD-Einsatzgruppen, die den Truppen folgten.

Kurz darauf kommt es zu einem Judenpogrom in Vilijampole, einem jüdischen Wohnviertel in Kaunas. Der Kopf eines grausam ermordeten Rabbiners wird in einem Fenster zur Schau gestellt. Es folgen Pogrome in anderen Stadtvierteln. Allein in der Nacht vom 25. auf den 26. Juni werden von „litauischen Freiwilligen“ mehr als 1500 Juden ermordet, viele Synagogen angezündet, 60 Gebäude, die Juden gehörten, zerstört. In der Nacht darauf werden etwa 2300 Juden auf bestialische Art niedergemetzelt. Mit ihren Foltermethoden übertreffen die litauischen Schüler häufig noch ihre Lehrer vom deutschen SD.

Die Männer mit den weißen Armbinden schleppten die Juden in die Garage auf dem Vytautas-Prospekt. Sie griffen sie von der Straße weg oder zerrten sie aus ihren Wohnungen. In der Garage steckten sie den Juden die Wasserschläuche in den Mund. Der Wasserstrahl, der sonst für die Autowäsche benutzt wurde, stand unter starkem Druck. Die Opfer wurden solange mit Wasser vollgepumpt, bis ihre Därme zerrissen und sich die Eingeweide zusammen mit dem Wasser auf den Asphalt ergossen, wo die Juden unter den Hetzrufen der Menge unter Qualen starben.

An einer anderen Stelle in der Stadt stand ein hübscher junger Mann mit hellen Locken inmitten einer Blutlache. Er hielt eine schwere Brechstange in der Hand. Vor ihm aufgereiht jüdische Einwohner, die ihren Tod erwarteten. Rund herum hatten sich Männer mit weißer Armbinde postiert. Sie richteten ihre Gewehre auf die Gefangenen und führten sie dem jungen Mann zu, der mit einem Schlag einem Opfer nach dem anderen den Kopf einschlagen mußte. Wenn ihm dies auf Anhieb gelang, spendete eine gaffende Menge Applaus. War ein zweiter Schlag nötig, pfiff die Menge.

Die volle Verantwortung für diese Morde, die im Juli/August 1941 von „litauischen Freiwilligen“ verübt wurden, trägt die „Litauische Regierung“, die von Schkirpa in Berlin geschaffen, binnen weniger Tage in Kaunas reorganisiert und am 5. August 1941 von der deutschen Besatzungsmacht wieder aufgelöst wurde, also jene Regierung, die nach ihrer eigenen Erklärung das Territorium Litauens voll kontrollierte. (Bereits in den ersten Tagen der deutschen Besatzung hatte die litauische Polizei in allen Rayons befohlen, daß die Juden den gelben Stern tragen müßten und nicht mehr die Gehsteige benutzen dürften.) Laut dem sogenannten Jäger-Bericht (SD-Einsatz-Kommando 3) wurden durch Pogrome und Exekutionen von den „freiwilligen Kämpfern“ 4000 Juden in Litauen bis zum 1. Dezember 1941 ermordet, nach anderen Berichten mehr als 10 000.

In den Tagen nach dem 22. Juni 1941 waren Tausende von Litauern in den Städten auf die Straße gegangen, um die roten Fahnen, das Symbol des sowjetischen Besatzungsregimes, abzunehmen. Auf ihren Häusern und auf den öffentlichen Gebäuden hißten sie die Nationalflagge. Viele begrüßten die deutschen Truppen in dem Glauben, daß sie dem litauischen Volk Freiheit und Unabhängigkeit brächten. Doch die deutschen Nationalsozialisten zerstörten diese Träume. Ihre Helfershelfer, die litauischen Faschisten, stahlen dem Volk den Tag, welcher der Tag der Befreiung von der sowjetischen Besatzung hatte werden sollen. Sie machten daraus den ersten Tag der Ausrottung der litauischen Juden. Bis zum 1. Dezember 1941 waren schon insgesamt 137 346 Juden ermordet (Jäger-Bericht).

Im August 1941 wurde anstelle der aufgelösten Regierung der ehemalige General der litauischen Armee, Kubiljunas, zum Ersten Generalberater des deutschen Kommissars in Litauen, von Renteln, ernannt. (Kubiljunas war der Generalsrang schon 1934 von der Regierung Smetona wegen faschistischer Verschwörung aberkannt worden.)

Der Exgeneral spielte eine besondere Rolle bei den Judenmorden, die nunmehr von den deutschen Einsatzgruppen im großen Stile verübt wurden, wobei sie sich der „litauischen Freiwilligen“ bedienten. Schon am 4. Oktober 1941 wurden mehrere Hilfspolizeibataillone sogar nach Weißrußland geschickt, wo sie an der „Räumung“ der Ghettos in Minsk und anderen Städten mitwirkten. Der deutsche Gebietskommissar in Sluzk berichtete, daß die Litauer dort „mit einer unbeschreiblichen Brutalität“ gegen die Juden vorgegangen seien. Kubiljunas hatte seinen Männern zuvor „besten Erfolg im Kampf gegen den Bolschewismus“ gewünscht.

Vor der Entsendung eines dieser Bataillone, das zum „Wachdienst“ im Vernichtungslager Majdanek bestimmt war, wurde ein Befehl mit dem „Segen“ Kubiljunas’ verlesen. Eines seiner Polizeibataillone war 1943 bei der Vernichtung des Warschauer Ghettos dabei und wurde berüchtigt durch seine Grausamkeit. Die litauischen Polizisten schleppten Frauen, Kinder und Greise aus den Bunkern, wo sie sich versteckt hatten, und brachten sie draußen um: zuerst die Kinder, dann die Frauen und schließlich die Greise. „Der 22. April 1943 war für uns einer der schrecklichsten Tage“, erinnerte sich in einer deutschen Fernsehsendung eine Überlebende des Ghettoaufstandes. „Dieser Tag begann mit dem Schreckensruf: ‚Die Litauer kommen!‘“ Alle diese freiwilligen Polizeisoldaten, „Aktivisten“ und „Partisanen“ hatten sich zuvor als Judenmörder in Kaunas, Vilnius und anderen litauischen Städten und Dörfern in den ersten Tagen des sogenannten Aufstandes einen Namen gemacht. Als sie die litauische Hymne sangen, da sangen sie im Anblick der Leichen der von ihnen ermordeten Menschen.

Wahrscheinlich zum letzten Mal in jenen Jahren erscholl die Hymne, als am 17. Mai 1944 siebzehn junge Litauer aus dem 306. Bataillon der sogenannten örtlichen Verteidigung, die den Deutschen den Wehrdienst verweigert hatten, an einem Graben in Panerjaj vor den Gewehrläufen von SS-Männern standen. Dann lagen sie in dem Graben, in dem schon die Juden lagen. Ihnen folgten Kameraden aus anderen Bataillonen, die sich ebenfalls gegen die Deutschen erhoben hatten.

Der wirkliche Aufstand der Litauer fand erst fünfzig Jahre später statt, als die Einwohner von Vilnius vor dem Fernsehzentrum standen und ihr Parlament vor sowjetischen Sicherheitstruppen schützten. Das Rot ihrer Fahnen zeugte jetzt nur noch von dem Blut, daß die Litauer für ihre Freiheit vergossen haben.

Deutsche Fassung:

Antje Kuchenbecker