Kenner der Szene wußten, was der Abzug der jugoslawischen Armee aus Slowenien bedeutete: "Das war das Ende des staatlichen Kampfe um Jugoslawien, nun begann der ethnische Krieg um Großserbien." Ihre internen Warnungen stießen in den westlichen Apparaten auf Unglauben. Auf die chauvinistische Entschlossenheit, mit der die serbische Führung diesen Krieg führen würde, war der Westen nicht vorbereitet.

Anfang Juli war die Anerkennung Sloweniens und Kroatiens, anders als im konfliktnäheren Österreich, in Deutschland noch kein großes Thema. Auch die wenigen Zeitungen, die sich zu diesem Zeitpunkt für eine Anerkennung der abgespaltenen Republiken einsetzten, hatten noch keinen sichtbaren Einfluß. Auch Bonn hoffte noch, ein gemeinsames Jugoslawien könnte zumindest als Konföderation erhalten werden.

Ab September 1991 weiteten sich die Kampfhandlungen in Kroatien aus. Am 7. September lud die EG zur Friedenskonferenz nach Den Haag. Die Teilnehmer, darunter alle Präsidenten der jugoslawischen Teilrepubliken, erklärten sich zu einer friedlichen Lösung bereit.

Am Rande der Konferenz forderte Genscher vom kroatischen Präsidenten Tudjman nachdrücklich eine Verfassungsänderung, die den Schutz der serbischen Minderheit in Kroatien garantiert. Andernfalls sei an eine Anerkennung überhaupt nicht zu denken. Der frühere britische Außenminister Lord Carrington begann seine Vermittlungsmission. Zwischen September und November vermittelte er vierzehn Waffenstillstände. Bestand hatte keiner.

Im Laufe der Entwicklung in Kroatien, unter dem Eindruck der brutalen Belagerungen von Städten wie Vukovar, Osijek und vor allem Dubrovnik, unter dem Schock der Berichte über serbische Konzentrationslager, wuchs in Deutschland die antiserbische Stimmung. Über die Kriegführung der Kroaten gab es nur wenige Berichte, vor allem keine Bilder. Die Forderung nach Anerkennung Kroatiens und Sloweniens gewann an Popularität. Im Auswärtigen Amt (AA) – und im Kanzleramt – zeigte man sich allerdings noch reserviert. Man wollte sich politisch nicht exponieren. Zwar hielt man eine Gesamtlösung für Jugoslawien inzwischen für unwahrscheinlich. Doch von einer Anerkennung erwartete man andererseits keine positive Veränderung der Situation. Die Carrington-Mission sollte nicht behindert werden, und angesichts der Zurückhaltung bei den ständigen Mitgliedern des Weltsicherheitsrats befürchtete man negative Reaktionen bei den Partnern in Nato und EG.

In der Anerkennung sahen Genschers Diplomaten in erster Linie ein Droh- und Abschreckungsinstrument gegen die Serben, kein konkretes Mittel der Politik. Wirken sollte es etwa in dem Sinne: Wenn ihr so weitermacht, greifen wir zum Mittel der Anerkennung Kroatiens und Sloweniens. Doch wie immer, wenn die Abschreckung versagt, kommt der Moment der Wahrheit. So auch hier – früher als erwartet.

Die Front gegen einen deutschen Alleingang bröckelte innerhalb weniger Wochen. Im AA hieß es über die Wirkung der öffentlichen Debatte auf den Minister im Oktober: "Nach jedem FAZ-Leitartikel wird er nervös." Der Kanzler war es schon längst: Er reagierte erst recht auf den Anerkennungsdruck der CDU-nahen Medien und in der eigenen Fraktion. Ein Jahr später, im Herbst 1992, beschrieb Otto von Habsburg, der verhinderte österreichische Kaiser und CSU-Veteran, in einem Welt-Interview aus Anlaß seines achtzigsten Geburtstags die prokroatische Wende aus seiner Sicht: "Da waren es zwei große deutsche Zeitungen, die praktisch die deutsche öffentliche Meinung organisiert haben, daß sogar Genscher sich anpassen mußte. Ich meine die Welt und die Frankfurter Allgemeine Zeitung."