Sowohl Iwan Morosow wie auch Sergej Schtschukin sammelten zunächst die russische Malerei ihrer Zeit, Portraits, Genrebilder und Landschaften der „Wanderer“ zum Beispiel; Morosow sammelte später auch die nächste Generation, Larionow, Gontscharowa, Chagall – keiner von den beiden kaufte Kandinsky, Malewitsch oder Tatlin. Die jungen russischen Künstler aber nahmen die Gelegenheit wahr, sich in den Häusern der Sammler über die neue Kunst aus dem Westen zu informieren. Seit dem Jahr 1909 war das Trubetskoi-Palais, das Schtschukins Vater einem verarmten Adeligen abgekauft hatte, jeden Sonntag ab zehn Uhr morgens der kunstinteressierten Öffentlichkeit zugänglich. Der Sammler selber führte herum und gab Auskunft. „In Moskau“, erinnerte sich der Künstler David Burljuk, „sahen wir uns häufig die beiden Franzosensammlungen von S.J. Schtschukin und I.A. Morosow an – ohne das hätte ich es nicht gewagt, die Arbeit anzufangen... alles Alte ist auf den Müll gewandert, und ach, es ist schwer und beschwingend, alles von vorn zu beginnen.“

Daß sie beide zu „Franzosensammlern“ wurden, war vielleicht das einzig konventionell Normale an Morosow und Schtschukin, denn, beginnend mit Peter dem Großen, war der Sehnsuchtsblick der Russen schon immer in den Westen gegangen, und daß Paris die Hauptstadt des ausgehenden 19. Jahrhunderts war, verstand sich von selbst, nicht nur bei den Russen.

Wie verschieden aber die Temperamente dieser beiden Sammler waren, die einander auch gut kannten, kann man gerade in der Essener Ausstellung sehen, die zum erstenmal den direkten Vergleich erlaubt. Bei den Impressionisten entschied Morosow sich für Renoir, Schtschukin für Monet. Gauguin wurde von beiden gesammelt, aber für Schtschukin, der die Bilder so zur Bildwand addierte, daß sie den Charakter einer Ikonostase annahmen, steigerte sich die künstlerische zur religiösen Erfahrung. Von Cézanne, der in beiden Sammlungen groß vertreten war, wählte Morosow das frühe Selbstbildnis und den gelassen posierenden „Raucher“, Schtschukin die karge, spätere Selbstdarstellung und den nachdenklicheren „Mann mit Pfeife“. Morosow liebte Bonnard, das sanfte Licht und die zarten Formen. Schtschukin verordnete sich die Konfrontation mit Picasso, den er nicht in den Räumen, in denen man lebte, aufhängte, sondern in einem besonderen Zimmer ehrte und isolierte. „Jedesmal, wenn ich diesen Raum betrete, ist es, als ob ich meinen Fuß in einen Bottich mit zerbrochenem Glas setze“, schrieb er, 54 Picassos hatte er gekauft. Schließlich und endlich: Während in Morosows Musiksalon die bei Denis bestellten mythologischen Figuren sich als rosarote Nuditäten froh an den Wänden tummelten – im Kreise der Überirdischen stellt sich die Frage der Kleiderordnung ja nicht –, würgte Schtschukin an den Skrupeln, die ihn bei der Hängung von den bei Matisse bestellten Bildern „Der Tanz“ und „Die Musik“ in seinem Treppenhaus überkamen. Nichts als beim Tanz bewegte, ins Musizieren versunkene, nackte Körper, gewiß. Aber alle Familienmitglieder und Besucher kamen hier vorbei. Und so nahm der Sammler selber eine kleine Korrektur vor – und entschuldigte sich gleichzeitig bei Matisse für seine Verzagtheit.

Von einem Verrückten, so sagte Schtschukin einmal, sich selber und den attackierten Maler in Schutz nehmend, seien diese Bilder gemalt und von einem Verrückten gesammelt. Aber für so viel verrückten, entfesselnden Fortschritt war bei den Konservativen der neuen Weltordnung kein Platz. 1917 wurde Schtschukins Sammlung, die er testamentarisch ohnehin dem Staat überlassen hatte, samt Haus enteignet und später zum „Ersten Neuen Museum für westliche Malerei“ erklärt. Für einige Zeit lebte der frühere Hausbesitzer in einem Nebenraum der Küche und gab den Ausstellungsführer. 1918 verließ er das Land, lebte dann bis zu seinem Tod 1936 in Paris. Iwan Morosow, der den politischen Umsturz zunächst für ein vorübergehendes Gewitter hielt, hatte seine Kunstwerke an geheimem Ort ausgelagert, dann aber wieder zurückgeholt. Zum „Zweiten Museum für neue westliche Malerei“ wurde 1919 sein Haus samt Inhalt erklärt. Er selber starb, fünfzig Jahre alt, 1921 in Karlsbad. 1928 wurden die Sammlungen zusammengelegt, 256 Stück Kunst aus dem Haus Schtschukin und 564 aus dem Haus Morosow, 1948 auf das Puschkin-Museum in Moskau und die Eremitage in Leningrad verteilt.

In dem schönen, klassizistischen Haus der Schtschukins und dem großen, vom früheren Hausherrn schon mit richtigen Galerieräumen ausgestatteten Palais der Morosows erinnert heute nichts mehr an die Jahre, als hier die Kunst der Moderne in einer Auswahl zu besichtigen war, mit der sich keine westeuropäische Sammlung messen konnte und in der gleichzeitig gerade den jungen Russen, die etwas später ihrerseits die Kunst revolutionierten, die Augen geöffnet wurden. In Schtschukins Haus logiert eine Dependance des Verteidigungsministeriums, wo früher Matisse’ „Unterhaltung“ hing, ist heute hinter einem Rednerpult noch ein Lenin-Portrait übriggeblieben. In Morosows Haus aber hat sich die Akademie der Künste niedergelassen, lauter reizende alte Herren, und was sie jetzt machen sollen, wo keiner ihnen mehr die Büsten der Parteigenossen und der Helden der Nation abfordert, das ist die Frage.

„All diese russischen Muzhiks“, schrieb der Sänger Fjodor Schaljapin in seinen Erinnerungen, „... über ihren Gaben und Verdiensten kann ich nur ins Schwärmen geraten... Welche Trümpfe waren sie doch im nationalen Spiel.“ Daß wir (und die Russen) diese Trümpfe jetzt in dieser neuen, alten Nachbarschaft sehen und in einem Katalog, der die Geschichte der Sammler erzählt, nachlesen können (in einer deutschen, russischen und englischen Ausgabe), das verdankt sich vor allem der Initiative der Firma Ruhrgas. Die Mäzene von damals haben die Sponsoren von heute gefunden. Und wir können uns noch einmal vorstellen, was es hieß, seinen Fuß in einen Eimer mit Glasscherben zu stellen. (Museum Folkwang bis zum 31. Oktober; Katalog im Verlag DuMont, Köln, in der Ausstellung 48,– DM, im Buchhandel 90,– DM)