Von Fredy Gsteiger

Es fällt leicht, Verständnis zu haben für die Sache der Kurden, dieses Volk ohne Land und ohne Recht auf kulturelle Entfaltung.

Es fällt schwer, Verständnis zu haben für die Aktionen der kurdischen Arbeiterpartei PKK, die mit spektakulären Aktionen in Europa und Mordanschlägen auf Urlauber in der Türkei das Kurdenproblem in die Weltaufmerksamkeit bombt.

Der Kurdenkonflikt, der nun wieder einmal nahe an die Europäer heranrückt, eignet sich nicht für Patentlösungen. Zumindest vier Akteure in dem Kräfte- und Machtspiel sind zu berücksichtigen.

  • Die ewigen Opfer: Die Kurden sind ein altes Volk. Es datiert seine Herkunft bis auf Noah zurück. Seine Arche soll einst am kurdischen Berg Ararat gestrandet sein. Der Kurde Sultan Saladin trotzte im Mittelalter christlichen Kreuzrittern und wurde alsbald als arabischer Held vereinnahmt. Erst 1918 winkte dem Bergvolk zum ersten Mal die Aussicht auf einen eigenen Staat. Amerikas Präsident Woodrow Wilson hatte ihn versprochen; doch die Interessen Großbritanniens, Frankreichs und vor allem der Türkei standen dagegen. So leben die gut zwanzig Millionen Kurden heute über fünf Länder – Türkei, Irak, Iran, Syrien und Armenien – verstreut, teils unter schrecklichem Joch. Saddam Hussein tötete 180 000 Kurden und walzte 4000 Dörfer platt. Auch in der Türkei forderte der inzwischen neunjährige Bürgerkrieg bislang mehr als 6200 Tote.

Die wenigsten Kurden, meist einfache, stark im traditionellen Stammes- und Clandenken verhaftete, weithin unpolitische Bauern, verlangen einen eigenen Staat. Eine Mehrheit von ihnen lebt nicht mehr in Südostanatolien, sondern – überwiegend gut eingegliedert – in Ankara, Izmir und vor allem in Istanbul. Was die Kurden indessen vom türkischen Regime verlangen, ist kulturelle Autonomie, ist die Zulassung kurdischer Parteien, kurdischer Schulen, sind eigene Zeitungen, Bücher, Rundfunk- und Fernsehsender.

  • Die Unterdrücker: Der türkische Staat hat nie ein entkrampftes Verhältnis zu seiner kurdischen Minderheit gefunden. Die Erinnerung an die Zurücksetzung des einst riesigen Osmanischen Reiches ist noch so wach, daß die Regierenden in Ankara geradezu panisch an der Fiktion festhalten, die Türkei sei eine Nation, bestehend aus einem Staatsvolk. Die Realität des Vielvölkerstaates wird selbst in der Verfassung geleugnet. Jeder Türke ist gleich, lautet ein Leitmotiv. Eine Minderheitenpolitik gibt es nicht; angestrebt wird forcierte Assimilation. Besonders in der Armee, dem Garanten der modernen Türkei, herrscht die Ansicht, das Problem lasse sich mit Stärke lösen.
  • Die Befreier: 1978 gründete der Politikwissenschaftler Abdullah Öcalan, kurz Apo genannt, die Partiye Karkaran Kurdistan, die PKK. Die straff geführte Kaderpartei ist marxistisch ausgerichtet. Sie strebt einen unabhängigen Kurdenstaat an. Jahrelang blieb ihr Rückhalt in der Bevölkerung versagt – trotz brutaler Einschüchterung. Denn sowohl das Ziel der PKK als auch ihre Gewalttätigkeit und das sozialistische Gedankengut blieben den kurdischen Landleuten fremd und suspekt. Doch die repressive türkische Politik, die sich eben nicht nur gegen die Terrororganisation PKK richtete, sondern auch kurdischen Anliegen im Wege stand, trieb viele Kurden in die Arme der Guerilla. Die PKK legte mit Hilfe der kurdischen Diaspora über ganz Europa ein enges Netz von Unterstützern, um sich dort mittels Schutzgelderpressung und Drogenhandel zu finanzieren und politische Lobbyarbeit zu verrichten.
  • Die Akteure im Schnürboden: Ihre Zentrale hat die PKK heute in Damaskus. Sowohl für Syrien als auch für den Iran ist die PKK ein willkommenes Instrument, die Kreise der Türkei zu stören. Teheran sieht sich als Rivale für die führende Regionalmachtrolle in Vorderasien; Damaskus braucht ein Pfand, um der türkischen Wasserpolitik (Euphrat) nicht wehrlos ausgeliefert zu sein. Beide Länder mit eigenen kurdischen Minderheiten haben kein Interesse, daß sich das türkische Kurdenproblem in Minne auflöst. Dann nämlich bekäme die Türkei die Chance, zum Schirmherrn aller Kurden aufzurücken – wie jetzt schon im Nordirak. So herrschte in Syrien und im Iran keine Freude, als PKK-Chef Özalan im Frühjahr einen Waffenstillstand ausrief. Man lachte sich aber hernach ins Fäustchen, als er Anfang Juni davon abrückte, einen "blutigen Sommer" versprach und "Angriffe auf Touristen und die türkische Wirtschaft" ankündigte.