Von Karl Johaentges

Reisen wird zu einer Strategie, die darauf abzielt, möglichst viele Photos zu machen", kommentiert die amerikanische Kulturkritikerin Susan Sontag sarkastisch den vollautomatischen Volkssport. Ohne Kamera ist heute kaum jemand mehr unterwegs.

Nur wenige Jahre nach der Erfindung der Daguerrotypie durch den ehemaligen Theatermaler Louis Jacques Daguerre lichtete Jules Itier schon 1845 in Asien die ersten "Exoten" auf Metallplatten ab. Reisen und Photographie sind seitdem untrennbar miteinander verbunden. Auf der Suche nach den letzten unberührten Paradiesen fahren wir in die entlegensten Winkel der Erde.

Die Photographie wurde auch ein wichtiges Hilfsmittel für die Feldforschung der Ethnologen. Mit der Plattenkamera dokumentierten sie untergehende Kulturen und beschleunigten wiederum – so analysierte Susan Sontag – durch die Photographie deren Verschwinden. Auf den ersten Photos der Ethnologen ähneln die abgebildeten Menschen allerdings eher denen auf Verbrecherphotos. Vor die Kamera gezwungen, stand ihnen die Angst meist buchstäblich ins Gesicht geschrieben.

Seitdem hat die Kamera nichts von ihrem aggressiven Wesen verloren. Was uns als Spielzeug und Hobby gilt, wirkt auf die Photographierten in Nepal oder in Thailand als Angriff mit einer modernen Waffe. Die Schnappschuß-Ideologie – der Brauch, Opa, Tanten und Neffen unbeobachtet und natürlich abzulichten – ist in heimatlichen Gefilden ganz normal. In der Ferne, vor allem in Ländern, in denen Kameras nicht zum selbstverständlichen Alltag gehören, sind Fingerspitzengefühl und Zurückhaltung notwendig.

Sobald man sich hier dem menschlichen Motiv nähert, wird häufig die Privatsphäre verletzt. Zwar entstehen immer wieder tolle Schnappschüsse, wenn jede Gelegenheit genutzt wird. Doch schon der Begriff des snapshot (abgeleitet vom amerikanischen to shoot für photographieren) spricht eine deutliche Sprache und spiegelt Absicht und Wirkung unseres Tuns unverblümt wider. Auch die deutsche Sprache gibt viele Hinweise darauf: Die Begriffe "Er ist auf dem Bild gut getroffen", Telekanone, Photosafari und "jemanden aufs Korn nehmen" werden gedankenlos verwendet.

Selbst die höflichere englische Umschreibung to take a photograph betont das Nehmen. Aber nicht selten rufen die Kinder in Nepal oder in Peru dem Photographen heute ein "Don’t steal my picture" nach, wenn man sie wieder einmal ungefragt mit dem Tele einfängt.