Von Hanno Kühnert

Nie, Erika, fette Fakire ein!" Diese Mahnung ist nicht nur ein Anagramm, sondern auch ein Palindrom. Zu "Palindrom" sagt Wilperts Sachwörterbuch der Literatur "Krebsvers" und "anazyklisch", also: rückläufig lesbar. Es ist eine oft mühsam gebastelte, im Glücksfall witzige Spracherscheinung. Das Palindrom läßt sich von hinten wie von vorn lesen, es sagt zweimal dasselbe. Man könnte dazu ruhig "Rückläufer" sagen, aber Sprachwissenschaftler haben es gern fremdwörtisch. Die deutsche Sprache läuft ungern rückwärts, weil sie Zischlaute und Doppelsignale für einen Laut hat, etwa sch und tz. Auch im Französischen ist es schwierig, Palindrome zu finden. Immerhin gibt der "Petit Robert" ein kleines Beispiel: élu par cette crapule (ausgewählt von diesem Lumpenpack). Nur Italienisch, die einzige europäische Sprache ohne Sonderzeichen, und Latein wimmeln nach dem Urteil von Romanisten von Palindromen. Eins haben wir von dem Rom-Fan Herbert Rosendorfer: Roma tibi subito motibus ibit Amor (Rom, dir fliegt ergriffen die Liebe rasch zu).

In der deutschen Sprache gibt es indes genügend Möglichkeiten für sinnvolle Palindrome, aber kaum Literatur. Die Wissenschaft lebt kümmerlich von einigen alten und teuren Büchern, und außerdem gilt ihr alles, was Spaß macht, als unseriös. Immerhin weiß das Duden-Fremdwörterbuch ein hübsches Beispiel zum Stichwort Palindrom: "Die Liebe ist Sieger – rege ist sie bei Leid!" Und jedes deutsche Kind kennt natürlich den Neger mit Gazelle. Jener leicht rassistische Neger-Rückläufer, der im Regen nie zagt, macht leider das ganze Palindrom-Gewerbe ein bißchen lächerlich. Er riecht nach Kaiser- und Kolonialzeit. Doch wer Palindrome studiert, sieht ihn harmloser und findet bei ihm nur jenen merkwürdig skurrilen Sinn, der von den Zwängen der Buchstabenfolge herrührt – es kommt eben auf jedes Zeichen an. Beispiel: Obwohl es kaum einen Reliefpfeiler gibt, sondern Reliefsäulen, existiert der Reliefpfeiler als Lexikon-Exempel fürs Palindrom in Millionenauflagen.

Das einzige volkstümliche, umfassende, lehrreiche und anregende Buch über das Palindrom stammt – woher wohl? Aus der DDR. Der Verfasser Hansgeorg Stengel war und ist im deutschen Osten ein bekannter Mann, Karikaturist, Kabarettist, Verseschmied und eben auch Palindromist, mit Verlaub. Sein bereits 1984 erschienenes Buch "Annasusanna" trägt den Untertitel: "Ein Pendelbuch für Rechts- und Linksleser". Palindrome nennt er "Pabu", die "Palindrom-Buchstabenverbindung". Da ist das schöne Bastelstück: "Eine treue Familie bei Lima feuerte nie." Die treue Indianerfamilie ist laut Sprachwerker Stengel ein klassisches Pabu. Er hat in "Annasusanna" sogar palindromische Silbenrätsel erfunden, die er für die Wochenpost weiterentwickelt.

Das kuriose Buch, 112 Seiten dick, ist seit 1988 nicht mehr gedruckt worden. Der Ostberliner Eulenspiegel-Verlag, der das Sprachwerk besorgte, ist jetzt in Privathänden, nachdem er beinahe bankrott gemacht hätte, und kann es offenbar nicht weiterführen. Dabei wäre das Werk, in der DDR "ein großer Knaller" (Stengel), bundesweiter Verbreitung wert und fände gewiß noch viele Liebhaber mehr als jene Stengel-Fans zwischen Plauen und Putbus, Wernigerode und Wriezen.

Stengel entwickelt sein Pabu in Theorie und Praxis. Er beginnt mit einfachen Palindromen: Die "Ei-Lappalie" und das "Tee-Beet" sind noch für Anfänger und Selbsterfinder; die "Samoa-Omas" werden mit "Siams Keksmais" abgebildet und erklären uns, warum die Palindromie eben doch eine ernsthafte Wissenschaft ist.

"Essobosse" ist fast schon Schleichwerbung, "Sarggras" hingegen regt die makabre Phantasie mächtig an. Leute, die unter Fluglärm leiden, rufen schon mal "Turbobrut!", und die Schlachtung von Gnus wird als "Gnutötung" palindromisch. Eine vielbewunderte Schöpfung Stengels ist das "Lidokorkkrokodil", auf dem bei Venedig die Kinder im Wasser planschen.