Nur einmal gab es da eine kritische Situation. Nach Stunden des friedlichen Gegenübers war das einer Gruppe von etwa 300 vermummten "Kids" (Kniesel) nicht mehr "Erfolg" genug. Sie testete die Staatsgewalt, warf Flaschen und Steine. Das Imperium schickte ein kurzes Signal zurück. Kniesel zog seine netten Polizistinnen aus der ersten Reihe ab, und die Bereitschaftspolizei öffnete eine Gasse für die Jungs vom Sondereinsatzkommando, die, verkleidet wie Gladiatoren aus dem "Krieg der Sterne", in geschlossener Formation anrückten. Fünf Minuten Schlagstock. "Die haben wohldosiert Staatsgewalt verabreicht", nennt das der Polizeipräsident und sagt: "Das genügte auch." Es ging um eine pädagogische Aktion, eine Art Warnung an die Gewalttäter innerhalb der friedlichen Mehrheit. Die hat das auch verstanden und dem Einsatz applaudiert. Häufig passiert so was nicht.

Michael Kniesel fühlt sich dadurch – und durch Briefe wie den von Klaus aus Bielefeld (er hat ihm geantwortet) – bestätigt. Er hat seine eigenen Ansichten darüber, wie die Polizei ihren Pflichten nachgehen sollte, wie sie für Sicherheit sorgt, für Recht und Ordnung und für das Funktionieren der Demokratie.

Letzteres gehört für Michael Kniesel zum Aufgabenkatalog der Polizei, und das hat Folgen. Gelegentlich spricht er darüber auf Lehrgängen der Polizeiführungsakademie der Länder in Hiltrup. In der Demokratie, doziert er dann vor den Beamten, die dort auf höhere Aufgaben vorbereitet werden, müsse die Minderheit eine Chance haben, Mehrheit zu werden, und sei es mit Hilfe von Demonstrationen, mit denen sie "Politiker unter Druck setzen will". Dann sagt Kniesel: "Diese Veränderungschance ist polizeiliches Schutzgut." Und deshalb könne die Polizei "nicht als bloßer Bewahrer des Status quo und Wegputzer politischen Protests gesehen werden". Der "Law & order"-Truppe ist das nicht geheuer. Wie soll man mit solchen Leuten starken Staat machen? Doch einer wie Kniesel hat mit dem Mythos vom "starken Staat" wenig im Sinn. Der Mann tickt anders, nicht nur was Polizeieinsätze bei Kundgebungen angeht. So hält er die Drogenpolitik der Bundesregierung für verhängnisvoll. Er plädiert für die Entkriminalisierung des Konsums – "Das Unwerturteil kann ruhig bestehenbleiben, wie bei der Abtreibung" – und empfiehlt die staatlich kontrollierte Abgabe von harten Drogen (Heroin) an Abhängige. Polizeiliche Marktwirtschaft: "Man muß den kriminellen Händlern den Markt nehmen." Und dann die Sprüche von der inneren Sicherheit, zum Beispiel Rudolf Seiters’ Parole, es dürfe keine Sicherheitsdefizite geben. Klingt schön und ist eine Illusion, sagt Kniesel. "Sicherheitsdefizite gibt es immer, sogar im Polizeistaat." Die Frage – und die bittere Wahrheit – sei nur: Welche Defizite sind tolerabel?

Michael Kniesel ist 47 Jahre alt, ein fröhlicher Typ mit Schnauzer, Lachfalten und einem FDP-Parteibuch, was aber nichts damit zu tun hat, daß er aus Möllemanns Münster stammt. Dort hat er Rechtswissenschaft studiert, wissenschaftlich gearbeitet, da war er auch, zu Beginn seiner Laufbahn im Landesdienst, von 1976 bis 1979 Polizeidezernent beim Regierungspräsidenten. Nach Stationen in der Bereitschaftspolizei, im Landeskriminalamt und an der Polizei-Führungsakademie der Länder (Leiter des rechtswissenschaftlichen Fachbereichs) kam er 1988 als "PP" nach Bonn. Demnächst zieht er weiter. Nach dem Sommerurlaub tritt Kniesel in Bremen als Staatsrat (Staatssekretär) beim Innensenator an.

Aufgefallen ist er schon, ehe er mit der "Bonner Linie" von sich reden machte. Von ihm stammte die Stellungnahme der Führungsakademie zum seinerzeitigen Streitthema "Vermummungsverbot". Sehr zum Entsetzen der CDU/CSU-Länder hat die Polizei-Hochschule die Unionslinie nicht unterstützt. An der Entscheidung hat das letztlich zwar nichts geändert, in Fachkreisen aber Kniesels Ruf als liberaler Geist gefestigt. Recht behielt er obendrein: Auf deutschen Demos wird, trotz der Errungenschaft des "strafbewehrten Vermummungsverbots", kein Mundtuch und kein Helm weniger getragen als zuvor. Gleichwohl sei noch niemand dafür verurteilt worden, sagt Kniesel amüsiert.

Seit dem Bonner Asyltag ist er auch außerhalb des Fachmilieus bekannt. Der Kanzler, der Kanzleramtsminister, der Regierungssprecher und viele ganz offenkundig in ihrer Menschenwürde getroffene Bundestagsabgeordnete, nicht nur Christdemokraten wie Müller-Wesseling, sorgten dafür. Auch Klaus Kinkel, der FDP-Vorsitzende ohne ausgeprägte liberale Reflexe, war gemeinsam mit seinem Kanzler (CDU) erbost. Es müsse doch möglich sein, wetterte er, daß die Volksvertreter "erhobenen Hauptes" ins Parlament gelangen. Als seien die Volksvertreter aus den Hubschraubern und von den Rheindampfern zum Wasserwerk im Tarnanzug durchs Gebüsch gerobbt.

Warum gab es so wenige Festnahmen? fragten die Herrschaften auf dem Feldherrnhügel hinterher. Warum keine Strafanzeigen? Wie soll da der Respekt vor dem Staat aufrechterhalten werden? Statt Deeskalation bedeute das Demotivation für die Beamten, sagte der Kanzler später in einer Rede. Und sein Minister Bohl gab darüber hinaus zu bedenken, die schlappe Vorstellung der Kniesel-Polizei könne Wasser auf die Mühlen der Rechtsradikalen sein, die fühlten sich in ihrer Kritik am Staat ja geradezu bestätigt.

Flugs wurde da die 68er-Kohorte der Schuldigen am neuen Rechtsradikalismus um eine neue Kleingruppe erweitert: nach linken Eltern, Lehrern und Intellektuellen nun noch die linken Polizisten. Eine feine Gesellschaft.