Von Detlev Claüssen

Wer einen Blick in gute alte Bücher wirft, dem können Zweifel am wissenschaftlichen Fortschritt kommen. Unter dem Namen des bedeutenden, 1947 verstorbenen Psychoanalytikers Ernst Simmel ist ein Sammelband erschienen, der den Leser schmerzlich an die Tatsache erinnert, daß die Geschichte der Wissenschaft auch als eine Geschichte des Vergessens begriffen werden kann. Fast ein halbes Jahrhundert liegt zwischen der Konferenz der wichtigsten Psychoanalytiker mit aus Europa emigrierten Gesellschaftstheoretikern in San Francisco 1944 und der deutschen Publikation der Ergebnisse dieses Symposions unter dem Stichwort „Antisemitismus“. Diese historische Kluft wird gekonnt überbrückt durch ein exzellentes Nachwort zur Taschenbuchausgabe von Helmut Dahmer, der zu den wenigen Gelehrten in Deutschland zählt, die sich gleichermaßen in der psychoanalytischen und soziologischen Theorie auskennen. Dahmer schlägt den wissenschaftsgeschichtlichen Bogen von Freud zur kritischen Theorie, wie sie zur Weimarer Zeit in Frankfurt begonnen und im New Yorker Exil fortgeführt wurde.

Als Spiritus rector des interdisziplinären Unternehmens, Psychoanalytiker, Gesellschaftstheoretiker und sozialwissenschaftliche Empiriker zusammenzubringen, muß Max Horkheimer gelten. Schon als Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung hatte Horkheimer versucht, die traditionellen akademischen Arbeitsteilungen von Ökonomie, Philosophie, Psychologie und Geschichte aufzubrechen, um eine moderne Sozialwissenschaft zu ermöglichen. Als Frucht dieser Bemühungen gilt das schon klassische soziologische Gemeinschaftswerk „Autorität und Familie“, das 1936 – im Exil – veröffentlicht wurde. Im Antisemitismus erkannte Horkheimer einen „Nervenpunkt“, der nach einer integrierten soziologischen und psychoanalytischen Erkenntnis verlangt. Seit 1939 widmete sich das Institute for Social Research dem Studium des Antisemitismus fast zehn Jahre lang. Als berühmtestes Produkt dieser Forschungen wurde „The Authoritarian Personality“ allgemein bekannt. Die Formulierung „autoritärer Charakter“ fand sogar ihren Weg in die Umgangssprache. Auf dem Symposion in San Francisco 1944 referierten Else Frenkel-Brunswick und R. Nevitt Sanford aus ihrer empirischen Arbeit, die zu einer Typologisierung der „antisemitischen Persönlichkeit“ führte.

Eine derartige politische Charakterologie kann leicht in eine psychologistische Sackgasse führen. Die fragwürdige Rückübersetzung von personality in „Persönlichkeit“ signalisiert diese Gefahr. Das Differenzierungsgebot psychoanalytischer Diagnostik verbietet es, alle Antisemiten über einen Kamm zu scheren. Aber Horkheimer verdeutlicht schon in seinem luziden Einleitungsreferat, daß über der Differenzierung nicht die Einheit des antisemitischen Phänomens und seine unheimliche Wiederkehr vergessen werden dürfen. In der Psychologie droht die Tatsache zu kurz zu kommen, daß die Genese des Antisemitismus nicht rein individualgeschichtlich sich verstehen läßt. Ob aus latentem manifester Antisemitismus wird, hängt zudem – nach Horkheimer – weniger von der einzelnen Psyche als von den „sozio-politischen Gegebenheiten“ ab.

Die unbewußten Aspekte des Antisemitismus, die einer naiven Aufklärungspolitik entgegenstehen, analysiert Ernst Simmel, ein beschlagener Freudianer der ersten Generation. Seine Entdeckung der „Kriegsneurosen“ hatte den psychoanalytischen Pionieren einen entscheidenden Anstoß gegeben, ihr Augenmerk über die individuellen Erkrankungen hinaus auch auf gesellschaftliche Extremsituationen zu richten. Ernst Simmels eigenständige Beiträge zur psychoanalytischen Theoriebildung und seine medizinreformerischen Vorstellungen lassen sich nun auch in einer sorgfältigen separaten Edition seiner Schriften unter dem Titel „Psychoanalyse und ihre Anwendungen“ nachlesen. Die verheerenden psychischen Wirkungen des Krieges, die symptomatische Nähe von Wahn, Zwang und Sucht, das schon in Friedenszeiten bedrohliche Anwachsen des Unbehagens in der Kultur können als Schlüsselthemen Simmels gelten, die ihn zum interessierten Psychoanalytiker des Antisemitismus werden ließen.

Simmels brillante psychoanalytische Deutung des antisemitischen Komplexes führt Freuds Mythenentschlüsselungsverfahren aus dem „Mann Moses“ konsequent fort. Aber Simmel verstrickt sich auch in einer psychologischen deformation professionelle. Die Abgrenzung des Antisemitismus von anderen barbarischen Verhaltensformen in der modernen Zivilisation gelingt ihm nur um den Preis einer Pathologisierung der Antisemiten und schließlich ganzer Gesellschaften. Auf diese Weise verschwindet das gefährlich Normale am Antisemitismus hinter einer klinischen Terminologie, in der Antisemitismus als „Massenpsychose“ gedeutet wird. Während zum individuellen psychotischen Krankheitsbild die gesellschaftliche Handlungsunfähigkeit gehört, trifft das auf die angebliche „Massenpsychose“ gerade nicht zu.

In Simmels Deutungen geht die gesellschaftsgeschichtliche Differenz zwischen traditionellem und modernem Antisemitismus verloren – doch der Autor weiß darum. Er versucht, Brücken zu schlagen auf das Ufer der Gesellschaftstheoretiker, wenn er den gesellschaftlichen Wertverlust der Arbeit als einen entscheidenden Faktor bei der Freisetzung von Aggression bestimmt. Seine Beobachtungen aus dem amerikanischen Alltag zeigen, warum diese Beiträge von 1944 so aktuell geblieben sind. Analysiert werden antisemitisches Gefühlsleben und alltägliche Verhaltensweisen, die sich von Belehrungen über den nationalsozialistischen Vernichtungsantisemitismus überhaupt nicht beeindrucken lassen. Treffend wird von Simmel erkannt, daß die psychische Realität des Individuums sich gegen Fakten und Vernunft resistent machen kann.