Von Dieter E. Zimmer

Liegt es an den Familien? Den Schulen? Den Parteien? Den Medien? Der Arbeitslosigkeit? Den Rattenfängern? Während sich alle Welt – mit nicht gerade durchschlagendem Erfolg – Gedanken macht über die wahre Ursache der Ausländerfeindlichkeit in unserm Land, der Morde, der Brandschatzungen und der vielen kleinen Boshaftigkeiten, läßt sich in dem vielstimmigen Chor eine einzige dissonante Stimme hören, die hartnäckig eine ganz andere Erklärung anbietet. Es ist die des Humanethologen Irenäus Eibl-Eibesfeldt, der seit mindestens 26 Jahren immer wieder das eine sagt: Es gibt eine dem Menschen angeborene "Fremdenfurcht" (Xenophobie), ein "Urmißtrauen" zwischen einander fremden Menschen und Menschengruppen, und es wäre ratsam, mit ihm zu rechnen.

Auf dem Kommunikationsweg "Stille Post" (jeder flüstert dem anderen erregt zu, was er verstanden zu haben glaubt) bleibt dann etwa dies übrig: Eibl behaupte, Fremdenhaß sei eben "Biologie" und damit unabwendbar.

So zwar lautete Eibls These nie; er spricht von Furcht, nicht von Haß, er billigte sie nicht, und für ein unentrinnbares Fatum hält er sie auch nicht. Diese Nuancen aber hört kaum noch jemand, da Eibl doch ein Tabu bricht: Er sieht soziale Vorgänge aus biologischer Perspektive, und wer das tut in Deutschland, setzt alle Rauchmelder in Aktion und löst Faschismusalarm aus. Denn daß die Biologie im NS-Staat zum Instrument einer abstrusen Ideologie umgefälscht wurde, diskreditiert sie immer noch nachhaltig. Die Karikatur, die das Nazitum (leider unter Mitwirkung so manchen Wissenschaftlers) aus ihr gemacht hat, bestimmt bis heute, was die Öffentlichkeit von ihr hält. Biologische Erklärungen gelten ihr als "Biologismus" und damit als von vornherein verdächtig.

Und wenn sie nun doch richtig wären? Ist dann die Wirklichkeit faschistisch, schade für sie, und wir wenden uns mit Schaudern ab, hin zu unseren aufgeklärten Gedankengebäuden? Die Biologie jedoch ist eine empirische und keine normative Wissenschaft, und ob der Mensch mit einem biologischen "Urmißtrauen" gegen Fremde ausgestattet ist, ist keine unvernünftige Frage. Das Thema ist viel zu ernst, um irgendeine Erklärung von vornherein zu verwerfen.

Tatsächlich entsteht im Ausland, besonders in der angelsächsischen Welt, die von unserem Trauma nicht gehandicapt ist, seit einigen Jahrzehnten eine neue, naturwissenschaftliche Anthropologie, zu der sich alle empirischen Wissenschaften zusammenfinden, die sich mit dem Menschen befassen: Paläontologie, Ethnologie, Psychologie, Psychiatrie, Medizin, Linguistik, Neurophysiologie, Genetik, teilweise sogar die Soziologie. Auch die Biologie wirkt mit, und zwar an entscheidender Stelle, denn in dem Schichtengefüge der Ursachen untersucht sie die "nächste" und die "fernste": zum einen die Umsetzung der genetischen Blaupause in die Aktualität eines individuellen Lebens, zum andern die Entstehung dieser Blaupause, die Phylogenese also und mit ihr die Funktion, die dem betreffenden Merkmal in der Evolution zukam.

Daß Erklärungen für Merkmale wie "Schmerz" oder "Angst" auch beim Menschen auf mehreren Ebenen zugleich gesucht werden müssen und daß die verschiedenen Erklärungen nicht beziehungslos nebeneinanderlaufen oder sich gar widersprechen dürfen, sondern am Ende ineinanderzugreifen haben – das ist mittlerweile die bare Selbstverständlichkeit, auch hierzulande, denn auf Phänomenen wie "Schmerz" oder "Angst" hat das Nazitum seinen ideologischen Geifer nicht hinterlassen; um so mehr aber auf allen Phänomenen des Zwischen-Gruppen-Verhaltens. Die Frage aber entscheidet sich nicht nach dem Palmström-Prinzip, "daß nicht sein kann, was nicht sein darf", sondern ganz allein am empirischen Befund. Wie also ist die Beweislage beschaffen? Und was wäre eigentlich ein wirklicher, endgültiger "Beweis"? Nur die vollständige Ableitung von Ebene zu Ebene, aus der Stammesgeschichte über die molekularen Ebenen in die Fühl- und Denkwelt irgendeines rasierten Flachkops in Mölln oder Hoyerswerda. Solche Beweise gibt es nicht, weder hier noch auf anderen, weniger heiklen Gebieten. Nicht, daß sie prinzipiell unmöglich wären, aber heute und wohl noch auf längere Zeit sind sie außerhalb der Reichweite der beteiligten Wissenschaften. Das aber heißt nicht, daß man so lange einfach gar nichts wüßte. Auch mit Hilfe von Indizien lassen sich plausible Geschichten konstruieren – eben weil diese, gut poppersch, sich auch widerlegen ließen, wenn andersgeartete Indizien vorlägen. Wo immer sich ein Bild aus vielen Einzelstücken zusammensetzt, macht jedes passende Puzzleteil, das sich irgendwo findet, das Gesamtbild wahrscheinlicher.