Von Peter Pelinka

Herr Bischof, es reicht, treten Sie zurück!“ Donnernder Applaus erfüllt den Domplatz der niederösterreichischen Landeshauptstadt St. Pölten. „Der Vatikan hat uns ein Geschenk gemacht – wir senden es zurück!“ Der Beifall steigert sich. Trotz strömenden Regens sind 15 000 Menschen gekommen, in Sorge um ihre Kirche.

Am Rednerpult die Symbolfigur des Widerstands: Pfarrer Udo Fischer aus Paudorf, einer Gemeinde am Rande der Wachau. Seit Monaten liegt er im öffentlichen Streit mit seinem Bischof Kurt Krenn, dem konservativsten Kirchenfürsten Österreichs. Es geht um die Rolle der katholischen Kirche, um ihre zeitgemäße Funktion, darum, wie und was die Kirche heute sein soll: eine hierarchisch aufgebaute, die „Wahrheit“ von oben herab verkündende Institution, wie Krenn meint, der immer wieder gerne seine Frühstücksgespräche mit dem Papst erwähnt, oder, wie Fischer sagt, die Summe gläubiger Katholiken, die nach dem Motto „Die Kirche sind wir alle“ um die Interpretation christlicher „Wahrheiten“ ringen, sie vor allem vorleben wollen.

Ausgelöst wurde die jüngste Bataille im Kirchenkampf durch den St. Pöltener Dompfarrer Johannes Oppolzer. Der oberste Priester der zentralen Kirche des Bistums hatte Anfang Juni kommentarlos seinen Rücktritt eingereicht. Erst als Bischof Krenn öffentlich jegliche Differenzen mit Oppolzer leugnete, im Fernsehen sogar witzelte, bevor er seinen Rücktritt erkläre, müsse dies der liebe Gott selber tun, mochte auch der Dompfarrer nicht länger schweigen. Und schildert nun auch auf dem Domplatz, wie ihm schon eine sanfte Anfrage bezüglich der hohen Renovierungskosten von Krenns Amtsräumen dessen bleibenden Zorn beschert hatte.

Die steten Auseinandersetzungen haben Oppolzer schließlich resignieren lassen. Und auch beim Bischof die Hemmschwellen gesenkt: In Interviews vergleicht er sich nun gerne mit Jesus („Auch er wurde gekreuzigt“). Und wird ausschließlich in der auflagenstarken Kronen-Zeitung verteidigt. Insbesondere vom Kolumnisten „Christianus“ am Tag der Demonstration: „Auch Jesus Christus durchlebte die Angst, denn in der Nacht vor seinem Leiden widerfuhr ihm allertiefste Todesangst am Ölberg.“ Wie tief diese Angst war, konnten die Leser der anderen Zeitungen in der Woche danach lesen: „Christianus“ ist – Kurt Krenn.

In keinem anderen Land Europas hat die konservative Gegenreformation des Karol Wojtyla so tiefe Spuren hinterlassen wie in Österreich, wo mehr als neunzig Prozent der Einwohner katholisch sind, etwa ein Drittel von ihnen aktiv. Die katholische Kirche, mächtiger konservativer Faktor in der Ersten Republik zwischen 1918 und 1934, in den vier Jahren des Austrofaschismus auf Seiten der Diktatur, war nach dem Weltkrieg unter dem „roten“ Kardinal Franz König zu einer respektablen Institution geworden. Doch hat der Vatikan die fünf Jahre seit dem Rücktritt des nunmehr 86jährigen König konsequent genutzt. Bischöfe wurden bestellt, denen eine Zugehörigkeit zum extrem konservativen Opus Dei nachgesagt, in zwei Fällen auch nachgewiesen wurde, bei mehreren Weihen schon gab es öffentliche Proteste der Laien. Der neue Nuntius in Österreich, Donato Squicciarini, versucht die Aufregung zu dämpfen. Und hat mitgeholfen, daß bei der jüngsten Bischofsbesetzung in Eisenstadt ein eher liberaler Kandidat zum Zuge kam.

In St. Pölten scheint aber auch seine Vermittlungskunst vergebens. Dort sitzt seit achtzehn Monaten Bischof Kurt Krenn, dessen engster Mitarbeiter, Kaplan Knittel, seine Priesterweihe dem Engelwerk verdankt, einem dubiosen religiösen Geheimbund, der sich auf „Privatoffenbarungen“ der Hausfrau Gabriele Bitterlich stützt und bestimmte Gruppen von Menschen (Zigeuner, Hebammen) und Tieren (schwarze Katzen, glatthaarige Hunde) gern als „dämonische Geschöpfe“ denunziert.

An der autoritären Amtsführung Krenns stoßen sich nicht nur die prinzipiell Aufmüpfigen; die Verbitterung reicht tief ins konservative Lager. Den Bischof, eine massige, kleine Person, beirrt dies auf seinem Kurs nicht im geringsten, sowenig wie die Kritik seines Innsbrucker Amtskollegen Reinhard Stecher, der beklagt: „Wo immer der integrative Führungsstil zugunsten des autoritären aufgegeben wird, gerät das Kirchenvolk ins Schleudern.“ Maximilian Fürnsinn, Sprecher der bischofsunabhängigen Äbte der Diözese: „Es geht nicht um Glaubensprobleme, es geht schlicht um Macht und Ohnmacht. Bischof Krenn kann einfach nicht nachgeben.“

Das hat er soeben wieder bewiesen: Einen Tag, nachdem er mit versöhnlichen Gesten Einsicht zu signalisieren schien, weihte er in geradezu konspirativer Manier und im vörkonziliaren Meßritus in lateinischer Sprache zwei Engelwerk-Jünger zu Priestern. Mit dabei waren Busladungen ungarischer und bayerischer Rechtgläubiger.

In den letzten Tagen hat der Konflikt eine über Österreich hinausgehende Dimension gewonnen: Fast sämtliche Zeitungen zitierten aus der in Würzburg erscheinenden Deutschen Tagespost ein Interview, das vom römischen Korrespondenten des katholischen Blattes, Guido Horn, mit Krenn bereits vor Monaten geführt, aber erst am 22. Juni veröffentlicht worden war. Darin übt der Bischof in Erinnerung an seine Studienzeit in Rom Kritik am Zweiten Vatikanischen Konzil und am Papst Johannes XXIII., Symbolen, die für die Öffnung der Amtskirche stehen. Damals sei „zuviel Rücksicht auf die evangelischen Christen“ genommen worden und zuwenig auf die Tradition der Kirche. Nach dem Konzil sei in der kirchlichen Liturgie überhaupt „alles aus dem Ruder“ gelaufen. Harte Replik der evangelischen Kirchenleitung Österreichs: Der St. Pöltener Bischof sei ein „Gotteslästerer“, er verlasse die „Fundamente des christlichen Glaubens“. Auch der greise Kardinal König meldete sich zu Wort: Seit dem Konzil stünden „Kirche und Demokratie in einem wachsenden Naheverhältnis“.

Längst ist aus dem innerkirchlichen Konflikt ein öffentlicher geworden: 82 Prozent der Österreicher meinen, Kurt Krenn schade dem Ansehen der Kirche, 66 Prozent fordern seinen Rücktritt. Und längst ist der Konflikt auch explizit politisch geworden. Als einziger Politiker hat sich Jörg Haider – einen Tag vor einer Privataudienz beim Papst – hinter Krenn gestellt, ungeachtet der früheren antiklerikalen Tradition des „nationalen“ Lagers. Haiders Gegenspielerin Heide Schmidt, Gründerin des Liberalen Forums, nimmt im Unterschied zu vielen Politikern, die sich heraushalten, kein Blatt vor den Mund: „Insbesondere Krenns Frauenbild entspricht dem des vergangenen Jahrhunderts.“

Was alles „aus dem Ruder“ gelaufen ist, versucht Kurt Krenn mit ungebrochener Härte den 640 000 Kirchenmitgliedern der Diözese beizubringen. Weibliche Ministranten will er aus dem Gottesdienst verbannen, die Debatten über Zölibat und Empfängnisverhütung will er beenden, wiederverheirateten Geschiedenen sollen weiterhin die Sakramente verweigert und Religionslehrer sollen an die Kandare genommen werden.

Nur für den amtskirchenfernen Eugen Drewermann zeigt Krenn Verständnis und will sich sogar für die Aufhebung seines Lehrverbots einsetzen. Auch Drewermann, umstrittener Theologe im deutschsprachigen Raum, respektiert auf seine Weise Krenn. „Auch er ist ein Opfer des Systems. An seiner harten Haltung kann man sehen, wohin die Kirchenauffassung führt.“

Dem Hirten Krenn laufen unterdes die Schafe davon. In den vierzehn Tagen seit der Demonstration am Domplatz wurden bereits 30 000 Unterschriften für den Rücktritt Krenns gesammelt, die angepeilte Marke von 100 000 wird sicher erreicht. Selbst Nonnen bekennen sich vor Fernsehkameras, freimütig zur Aktion. Noch wehen Transparente am Domplatz: „Auftreten statt austreten“. Doch der Appell scheint nur bedingt erfolgreich. In St. Pölten ist die Zahl der Kirchenaustritte von 1991 auf 1992 um 72 Prozent gestiegen.