Das Kaff liegt verlassen, die Bar wird nur spärlich frequentiert. Vertrocknete Felder, staubige Wege, der Himmel wölbt sich träge und schwer. Red Rock, Wyoming. Thousand miles from nowhere, mit Tankstelle und klapprigen Cadillacs. Ein Ort, an dem vielleicht Kinofilme spielen, aber sonst bestimmt nie etwas geschieht. Dem Sheriff persönlich gehören die Bar, die Farm und das Land. Schlechte Voraussetzungen für Duelle unter der Sonne. Hierhin verschlägt es Michael; er sucht einen Job und bekommt statt dessen ein dickes Bündel Dollar und einen Auftrag. Beginn eines Verwirrspiels.

Michaels Hemd ist blütenweiß und bleibt es auch. Zu den blauen Augen passen die Jeans, die gelbe Steppe, das rote Lichterflackern. Wenn ihm das Haar in die Stirn fällt, droht Gefahr; streicht er sie aus dem Gesicht, ist das Abenteuer überstanden. „Sie sind sehr nett“, sagt die Frau zu Michael und bringt ihn in Verlegenheit – Nicolas Cage, der Sailor aus „Wild at Heart“, als Exmarinesoldat mit Knieverletzung. Freundlich, anständig, zahm. Sein Gegenspieler: Dennis Hopper, ein Psychopath namens Lyle, Vietnam-Veteran und Killer, ganz in Schwarz, wie gehabt. Dieselbe Gegend, dieselben Farben, dieselben Schauspieler wie bei David Lynch – aber „Red Rock West“ präsentiert den amerikanischen Alptraum als hygienisch einwandfreien Bilderreigen. Lynch sezierte, „Kill Me Again“-Regisseur John Dahl stilisiert. Das virtuose Spiel mit Mythen, Ängsten und Gewalt weicht einer sterilen Künstlichkeit, die den Plot mit Zitaten quer durch die Western-, Thriller- und Film-Noir-Tradition aufmotzt. Daß Michael mit seiner Behinderung den Job nicht bekommt, kaum Kniebeugen schafft, aber jeden Gegner locker besiegt, wen kümmert bei so viel Filmgeschichte solch simple Logik!

Alle wollen nur das eine: Geld. Michael, weil er pleite ist, Sheriff Wayne und Suzanne, die schöne Gattin, aus Habgier und Lyle aus Prinzip. Was sich zunächst wie ein gewöhnliches Eifersuchtsdrama ausnimmt, entpuppt sich allmählich als vertrackte Story, bei der ein Bankraub, eine Verwechslung und eine gefährliche Lady die entscheidenden Rollen spielen. Harte Männer sagen markige Sprüche auf („dann müßte ich deine Gehirnmasse vom Kühler kratzen“), werden aufgespießt und leben trotzdem noch, die verführerische Suzanne besticht durch immer feuchte Augen, Dennis Hopper zitiert sein eigenes hysterisches Lachen, der Gitarrensound wummert in Erinnerung an sämtliche Filmmusiken, die je zu Western geschrieben wurden, und alle Nächte sind blau. Die Dialoge tun ihr übriges. Suzanne: „Wie ist es in Mexiko?“ Michael: „Heiß.“ Suzanne: „Hört sich verdammt gut an.“ Das ist nicht mal mehr zum Lachen.

In „Wild at Heart“ rasten die Helden quer über den Kontinent, in „Red Rock West“ geht ihnen ständig das Benzin aus. Sie kommen nicht vom Fleck, und der Film tritt mit ihnen auf der Stelle, allen Finten, Actionszenen und Fluchtversuchen zum Trotz. Kaum kehrt Michael dem Kaff den Rücken, zwingen ihn unvorhersehbare Ereignisse wieder zurück. Die beiden Schilder am Ortseingang – „Willkommen in Red Rock“ und „Sie verlassen Red Rock“ – fungieren dabei als Running Gag über ein Roadmovie.

„Cowboys tragen in einer solchen Gegend Wrangler-Jeans und eben nicht Levis“, heißt es in der Presse-Information. „Deswegen sehen unsere Statisten wirklich wie Menschen aus diesem Gebiet aus und nicht wie Hollywood-Cowboys.“ Wer im Kino sitzt, achtet nicht auf das Markenzeichen. Abgesehen davon, daß Levis schon immer die bessere Reklame machte. Christiane Peitz