Sein Sturz aus dem Olymp der Wissenschaften, erklärt ein Chemiker aus Oxford, sei so abgrundtief wie die Schicksale der Helden in der klassischen Tragödie – geboren aus Selbstüberhebung und Rechthaberei.

Überall in dem Vorzimmer liegen Stapel des Buches „Wie man länger lebt und gesund bleibt“. Beim Durchblättern fällt mein Blick auf das 29. Kapitel: NEHMEN SIE TÄGLICH DIE ERFORDERLICHE MENGE VITAMINE EIN!

Wieviel der Professor für erforderlich hält, stand schon in fast jeder Zeitung zu lesen: „Vor dem Frühstück rührt er drei Teelöffel Vitamin C – satte 12 000 Milligramm Ascorbinsäure – in ein Glas Orangensaft und schlürft mit Behagen das saure Getränk. Nachmittags legt der weltbekannte Gelehrte weitere 6000 Milligramm Vitamin C nach. Am Abend wirft er vier Vitaminbomben ein, die unter anderem 1200 Milligramm Vitamin E, 1000 Milligramm verschiedener Vitamine der B-Gruppe und 8000 Mikrogramm Vitamin A enthalten. Wollte er die Lebenselixiere in Naturform zu sich nehmen, müßte er täglich 200 große Gläser frisch gepreßten Orangensaftes trinken und zwei Kilo Leinsamen, 700 Gramm Karotten, 2,5 Kilo Weizenkeime, zehn Kilo Bierhefe und 2,5 Kilo Kalbsleber verzehren.“

Ob die Dame im Empfang wohl auch soviel schluckt? Bevor ich sie fragen kann, geht die Tür in das dahinter liegende Zimmer auf. Und dort steht er, in einem Gebirge aus Büchern und Papier, ein kleiner, geradezu zierlicher Mann in einer verbügelten, dunkelblauen Anzughose und einer ausgeleierten Jacke, die aussieht, als habe er sie auf einem Obdachlosenbasar erstanden. Er hat eine schwarze Baskenmütze auf dem Kopf. Ein gepünktelter Schlips hängt ihm halboffen quer über das Hemd. Was für eine Erscheinung! Ich denke unwillkürlich an Mr. Willy Wonka, den fabelhaften Schokoladenfabrikanten aus dem Kinderroman „Charlie and the Chocolate Factory“: „Seine Augen – seine Augen blitzen und funkeln. Das ganze Gesicht strahlt und blitzt.“

Mr. Willy Wonka erfindet phantastische Schleckereien und Schokoladenfüllungen für Kinder. Mr. Linus Pauling erdenkt außerordentliche Theorien über das Alter. Er produziert sie wie am Fließband. Sie tragen Überschriften wie: „Die Lösung des Rätsels menschlicher Herzgefäßerkrankungen“ oder „Einheitliche Theorie zur Abschaffung von Herzgefäßerkrankungen als Todesursache“. Er verspricht Vitaminschluckern ein um zweieinhalb bis dreieinhalb Jahrzehnte längeres Leben. In jeder Abteilung seiner Theoriefabrik werden Variationen des gleichen Themas ausgeheckt, eine verblüffender als die andere. Alle menschlichen Übel, vom Schnupfen über Herzinfarkt, Schizophrenie und Krebs bis hin zu Aids, werden mit Vitaminstößen aus der Welt geschafft.

Ein Charakterzug seiner Schriften ist die Schilderung wildfremder Menschen, die ihn auf der Straße ansprechen: „Dr. Pauling, Sie haben mir das Leben gerettet!“ Ein Mitarbeiter des Instituts hat unter der Anleitung des großen Magiers sogar das „Rätsel der menschlichen Evolution“ enträtselt. Der, wie der Autor in der Zusammenfassung seines Traktats festhält, „bescheidene Beitrag eines Individuums, der sich sehr wohl als großer Schritt für die Menschheit herausstellen mag“. Des Rätsels Lösung? Natürlich Vitamin C.

Das zeigt sich auch an Linus Pauling. Beim Hinsetzen greift er suchend mit einer Hand hinter sich, während die andere an der Tischkante das Gleichgewicht hält. Er läßt den Stuhl von seiner Assistentin, der ihm seit zwei Jahrzehnten treuergebenen Mrs. Munro, seitlich zurechtrücken, um dem Besucher das bessere Ohr zuzuwenden. Was ist er nun? Ein Zauberer oder eine tragische Figur? Ein Prophet oder ein Trauerbild? Oder schlicht – ein wundervoller, alter Mann?