Von Wolfgang Albers

Elba zeigt sich manchmal abweisend. In der Hochsaison: wenn nur rechtzeitiges Vorbestellen einen Platz auf Fähren und in Unterkünften sichert. Ein Inselsprichwort besagt: Für einen Mohren sei es leichter, weiß zu werden, als für einen Bewohner Ostelbas, höflich und freundlich zu sein. Und die Berge, wie beispielsweise der 1018 Meter hohe Monte Capanne, sollten nicht unterschätzt werden.

Gestrüpp und Felsen haben schon manchen Wanderer entnervt. Wer zur Burg Volterraio, dem Inselwahrzeichen auf einem 394 Meter hohen Felsblock, will, kann in einem Elba-Bericht folgendes Klagelied finden, das den Aufstieg als via dolorosa beschreibt: "Wir kletterten auf allen vieren. Wir rutschten über das Geröll und klammerten uns an Disteln fest... Wir absolvierten einen Blitzkurs in Bergsteigerei ohne Haken und Seil."

Immer noch führt kein offizieller Weg zur Ruine hinauf, aber Pilgerströme von Besuchern haben die Fußspur zu einem bequemen Pfad getrampelt. Wir folgen dem staubigen Weg durchs Gebüsch, steigen über Felsstufen, umrunden die Zinnen einer Wehrmauer und wandern zur Burgkapelle. Ein schmaler Bau, Gras wächst aus dem Dach. Eine Gruppe Italiener schlüpft hinein. Wir hören Spitze Schreie: "Bellissima!"

Jäh fällt hier der Blick ins Freie, auf ein Panorama, das zu den schönsten Elbas gehört. Tief unten in der Bucht von Portoferraio bietet sich dem Auge des Wanderers ein prächtiger Farbackord: gelblich-beige Altstadthäuser, schneeweiße Segel auf blauem Wasser, grüne Felder. Dahinter verschwindet die Kette der Berge Westelbas im Dunst.

Nach dem langen Blick in die Ferne wirkt die Burg noch wuchtiger. Sie wurde nie erstürmt und bewahrte zahlreiche Elbaner vor Tod und Sklaverei. Vor allem im 16. Jahrhundert, wenn "Barbarossa" oder "Dragut", die beiden berüchtigtsten Piraten des Mittelmeeres, ihre schnellen Galeeren auf Elba landen ließen. Die Folgen waren für die Insel jedesmal katastrophal: Die Dörfer wurden geplündert, die Bewohner erschlagen oder auf die Boote als Rudersklaven verschleppt.

Noch heute liefert sich Volterraio nicht bedingungslos den Besuchern aus. Zwar führen Stufen zum Eingang, aber die Zugbrücke fehlt. Wer in die Burg will, muß vier Meter bis zur Schwelle hochklettern. Zwischenräume im Fels erleichtern den Aufstieg. Die einzige Alternative ist ein schmaler Durchschlupf in der Mauer.