Von Christoph Bertram

Güler Sabanci wirkt wie eine junge Margaret Thatcher. Die energische Kettenraucherin, etwa Mitte Dreißig, ist Mitglied des Sabanci-Clans, dem eines der wichtigsten türkischen Industrie- und Handelsimperien gehört. Zur Zeit ist sie im Konzern für die Reifenproduktion zuständig und residiert in einem unscheinbaren Istanbuler Bürohaus. "Wir sind anders als die ältere Generation türkischer Geschäftsleute", sagt sie. "Unsere Väter hätten gesagt: Warum etwas ändern, wir machen doch Profit. Aber uns Jüngeren reicht das nicht mehr aus."

Die Veränderung kam zunächst von oben und ist eng mit dem Namen des ehemaligen Staatspräsidenten Turgut Özal verbunden, der im April starb. Er wurde unter der letzten Militärregierung (1980 bis 1982) zum konsequenten Entrümpeier der bis dahin schläfrig-provinziellen türkischen Wirtschaft und setzte dies als Ministerpräsident (1983 bis 1989) tatkräftig fort. Heute wird er nicht nur von vielen Türken, sondern auch von manchem westlichen Fachmann als der zweite große Reformer der Türkei bezeichnet, nach dem gestrengen Staatsgründer Kemal Atatürk.

Güler Sabanci erinnert sich, was Wirtschaften vor Özal bedeutete. Ende der siebziger Jahre arbeitete sie als Lehrling in einer Reifenfabrik des Konzerns, etwa hundert Kilometer von Istanbul entfernt. "Für jedes Teil, das wir importieren wollten, mußten wir Lizenzen bei fünf oder sechs Ministerien beantragen, und alle Anträge wurden der Reihe nach behandelt, ob es sich nun um irgendein Luxusgut oder eine für die Wirtschaft des Landes dringliche Lieferung handelte. Und wenn man dann schließlich die Lizenz hatte, mußte man mühselig die nötige Auslandswährung beschaffen. Um ein Telex an unseren amerikanischen Partner zu senden, mußte ich einen Fahrer nach Istanbul schicken, drei Stunden brauchte der damals."

Dann aber kam mit Özal der frische Wind, der die Fensterläden aufstieß und die Spinnweben wegfegte. Importbegrenzungen wurden beseitigt, Ausfuhrsubventionen allmählich abgebaut, das Bankwesen modernisiert, die Infrastruktur – Telekommunikation und Straßen – drastisch ausgebaut. Der junge zupackende Gouverneur der Zentralbank, Rüsdü Saracoglu, erzählt, wie sein Vater ihm vor dem Aufbruch in einen mehrjährigen amerikanischen Studienaufenthalt geraten hatte, noch schnell ein Antragsformular für ein Telephon auszufüllen, damit er dann in fünf Jahren die Chance hätte, es auch zu bekommen. Inzwischen sind Faxmaschinen in der Türkei fast so verbreitet wie in Japan, von Telephonen gar nicht zu reden.

Das Resultat von Aufbruch und Öffnung: Die Wirtschaft boomte, und sie boomt noch Immer. Seit 1984 wächst das Bruttoinlandsprodukt – von der Golfkriegsdelle 1991 abgesehen – um jährlich mehr als fünf Prozent, rascher als in allen anderen westlichen Industriestaaten im Club der OECD. Aber mit dem stetigen Wachstum ging ebenso stetig die Inflation einher, und hier ist die Türkei trauriges Schlußlicht der OECD: Zwischen fünfzig und siebzig Prozent jährlich beträgt die Teuerung. Das ist es, was Güler Sabanci und andere junge Türken in den Spitzenetagen der Privatindustrie um- und antreibt. Jetzt treten sie an, das Übel an der Wurzel zu packen. Die liegt schlicht und einfach darin, daß der Staat mehr Geld ausgibt, als er einnimmt, und das Loch mit Hilfe der Notenpresse stopft. Das Finanzministerium hat das Recht, bis zu fünfzehn Prozent des jährlichen Haushaltsvolumens zinslos von der Zentralbank zu leihen – und tut es nach Herzenslust. Die wichtigste Ursache der Haushaltslücke: die 235 Staatsbetriebe, von denen die Hälfte Verluste macht.

Jeder weiß, wie der Inflation der Garaus gemacht werden könnte: durch rasche Privatisierung und mehr Steuergerechtigkeit. Aber das ist nicht so einfach. Immerhin arbeiten 650 000 Menschen in den Staatsbetrieben. Die Privatisierung würde das Heer der Arbeitslosen vergrößern, von dem niemand genau weiß, wie groß es ist; es gibt keine Arbeitslosenversicherung in der Türkei und zugleich eine üppige Schattenwirtschaft, die von Fachleuten vage auf zwischen fünfzehn und vierzig Prozent der Gesamtwirtschaft geschätzt wird. Privatisierung und Steuerreform verlangen mehr politischen Mut, als Demokratien gemeinhin aufbringen; die Türkei ist da keine Ausnahme – auch wenn die neue Ministerpräsidentin Tansu Çiller verspricht, nun mit der Privatisierung Ernst zu machen.