Von Elisabeth Wehrmann

Mit ein paar Filmrollen im Gepäck war er in den achtziger Jahren oft unterwegs, zeigte Studenten und anderen interessierten Bürgern der „freien Welt“ seine Bilder von der Wirklichkeit in der DDR. Verblüffte alle, die einen kalten Krieger erwartet hatten, mit Charme und Sanftmut, stand da, in Jeans und Seidenjacke, plauderte auch auf englisch in bestem Berliner Tonfall und wußte die witzigsten Geschichten aus dem Land, das wir alle kaum kannten.

Heute kann man Wolfgang Kohlhaase ohne viel Umstände zu Hause besuchen. Er wohnt um die Ecke am Bahnhof Friedrichstraße in den hohen Räumen eines grauen Hauses, umgeben von Büchern, Bildern und tiefen, roten Plüschsesseln.

Wolfgang Kohlhaase schreibt Geschichten, Drehbücher, Hörspiele, Theaterstücke, und er macht Filme. Wenn er will, kann er in west-östlichen Lobreden nachlesen, daß er die unverwechselbaren Eigenheiten und die besten Traditionen des Defa-Films verkörpert und die Entwicklung des Kinos in der DDR seit den fünfziger Jahren geprägt hat. Doch seit der Wende läuft der DDR-Film unter der Überschrift „Die verlorene Alternative“. Defas Kino ist tot.

Und der Autor, der einst auszog, den Sozialismus zu wagen, der seinen Spielraum nutzen wollte, um die Weisheit des Volkes zu studieren, um im Alltäglichen die Veränderlichkeit des Lebens in neue künstlerische Formen zu fassen, ist auf der Suche nach einem neuen Publikum. „Ich kann mich nicht auf irgendeinen Stuhl setzen in der neuen deutschen Dekoration“, sagt Wolfgang Kohlhaase, „ich muß versuchen, meinen Platz neu zu bestimmen, mich fragen, wem ich nun welche Geschichte warum erzählen will.“ In die Reihe der Ratlosen will er sich nicht stellen: „Es ist auch ein großes Abenteuer. Zu Zeiten der DDR hab’ ich immer gesagt, wir müssen versuchen, alt zu werden. Wir haben eine Menge zu erzählen.“

Kohlhaases Geschichte beginnt 1931 in Berlin-Adlershorst, in der Arbeitersiedlung am Stadtrand, mit Hinterhof und Laubenkolonie. In der Spiritusfabrik Monopol arbeitete der Vater als Betriebsschlosser. „Es war eine durchschnittliche Kindheit“, sagt Kohlhaase, „und die Nazis waren immer schon da. Sie hatten keinen Anfang, denn als ich zum ersten Mal meine Umwelt wahrnahm, waren sie schon da.“

Als der Krieg zu Ende ging, war Wolfgang Kohlhaase vierzehn, eine unterernährte Gestalt mit rotem Wuschelkopf und tausend Sommersprossen, „immer auf dem Sprung, Briketts, Weißkohlköpfe oder sonst was Eßbares zu klauen“. Während nebenan die Bomben fielen, erwischte ihn die erste Liebe.