Der Prolog liest sich wie eine Filmrekleine: „Dies war eine zeitvergessene Welt, eine düstere Bühne, auf der Menschen wüteten, Blut vergossen, Visionen und Ekstasen erlebten.“ Ja, so haben wir uns ihn vorgestellt, den Balkan: Robert Kaplan führt uns auf eine Geisterbahn voller Klischees. Aber seine Geschichtsreise hält nicht ganz, was die Einleitung verspricht. Zum Glück.

Der Autor, ein amerikanischer Journalist, bemüht sich oft um Erklärung. Immerhin hat er sieben Jahre in Griechenland gelebt und von dort aus den ganzen Balkan bereist. Den Leser nimmt er nun noch einmal mit; er führt ihn in die Geschichte der Länder ein, ohne zu dozieren. Und er hat die Gespräche nachgezeichnet, die er mit den Menschen geführt hat – leicht lesbar, assoziativ und inspiriert von den Gefühlen seiner Interviewpartner.

„Auf dem Balkan liegt ein Wust von Emotionen offen, die ihren realen Hintergrund verloren haben“, stellt Kaplan fest. Aus der Erinnerung nicht erlebter, aber überlieferter Geschichte wächst der Haß. Mutter Tatjana, eine Serbin im überwiegend albanisch besiedelten Kosovo, warnt: „Die Albaner wollen die Welt erobern.“ Sie seien Muslime wie die Türken, die Serbien jahrhundertelang in Knechtschaft hielten. Heute versuchten die kinderreichen Albaner, die Serben aus dem Kosovo zu verdrängen, erklärt Mutter Tatjana dem Amerikaner im serbisch-orthodoxen Kloster Gračanica auf dem Amselfeld.

Die orthodoxen Klöster seien das „Massensymbol“ der Serben, urteilt Kaplan mit einem Begriff des Psychologen Elias Canetti; hingegen fänden die Kroaten ihre kollektive Identität in der Katholischen Kirche. Der Erzbischof Alojzije Stepinac sei ihr Märtyrer. Der Geistliche kollaborierte im Zweiten Weltkrieg mit der faschistischen Ustascha und wurde 1946 von Tito in einem Schauprozeß verurteilt. Aus seinem Martyrium zögen die Rachsüchtigen ihre Kraft.

Das Balkansyndrom des Revanchismus beschreibt Kaplan so: Jedes Volk „beanspruche als sein natürliches Territorium alle Gebiete, die es zur Zeit seiner größten historischen Expansion beherrscht hatte.“ Träume von Großserbien und Großkroatien lassen sich so erklären, aber auch die Ansprüche Rumäniens auf Bessarabien, die Besetzung Makedoniens durch Bulgarien oder die von Griechenland 1921 versuchte Rückeroberung Konstantinopels.

Die Griechen auf der „südlichen Dolchspitze der Balkanhalbinsel“ zählten nur in den Augen von Touristen und Verehrern der Antike zum Westen, betont Kaplan. Griechenland sei ein Balkanstaat. Das demonstriert der Autor an dem Sozialistenführer und griechischen Ministerpräsidenten der achtziger Jahre, Andreas Papandreou. Der charismatische Frauenheld habe sich öffentlich in Lederjacken aufnehmen lassen und sei wiederholt fremdgegangen. Seine Pasok-Bewegung habe er in einem „totalitären Stil“ geführt, Rivalen aus der Partei ausgeschlossen, die staatlichen Medien gleichgeschaltet. Als Ministerpräsident habe er gemeinsam mit arabischen Potentaten Front gegen Amerika gemacht. Kaplan vergleicht Papandreou mal mit byzantinischen Kaisern, mal mit Mussolini. Auf jeden Fall sei er „das ursprünglichste aller Balkangespenster“.

Der Autor schätzt historische Vergleiche, und er schwelgt bisweilen lieber in Mythen, als daß er sich um Tiefenschärfe bemüht. Dabei übersieht er so manches Detail, in dem nun einmal – zumal auf dem Balkan – der Teufel steckt. So läßt er Jugoslawien im Jahre 1913 Makedonien annektieren, obwohl der Vielvölkerstaat erst 1918 gegründet wurde. Ganz benebelt haben die „Geister des Balkans“ den Autor dann offenbar am Schluß seines Buches, wo er im großen Krieg einen „Sturm“ sieht, der – gleichsam kathartisch – den „trüben Himmel“ über dem Balkan aufklären könne. Der Sturm vertriebe die Geister: „Ein besseres Zeitalter würde folgen.“ Michael Thumann