Von Matthias Naß

Hongkong

In der Ahnengalerie der Abgesandten Ihrer Majestät im Government House von Hongkong taucht Chris Patten gleich zweimal auf: inmitten von Margaret Thatchers und John Majors Kabinett. Selbstsicher schaut der untersetzte Mann mit dem blonden Haar und den weichen Zügen drein. Chris Patten, damals Parteichef der Konservativen und Architekt des überraschenden Tory-Wahlsiegs vor einem Jahr, verlor aber den eigenen Wahlkreis Bath und begann fern von Westminster eine neue Karriere.

Am 9. Juli 1992 betrat Patten unter dem Donner von siebzehn Schuß Salut den Boden der Kronkolonie. Der 28. Gouverneur von Hongkong wird wohl auch der letzte sein, denn am 30. Juni 1997 um Mitternacht wird vor dem Government House der Union Jack eingeholt und die rote Fahne der Volksrepublik China über dem Amtssitz des neuen Chief Executive der "Selbstverwaltungszone Hongkong" gehißt.

Vor neun Jahren haben sich London und Peking in einer "gemeinsamen Erklärung" auf die Modalitäten der Rückgabe Hongkongs an China geeinigt: Peking wird zwar die Souveränität über Hongkong zurückerhalten, fünfzig Jahre lang aber soll das kapitalistische System unangetastet bleiben, soll die neue "Sonderverwaltungszone" ein "hohes Maß an Autonomie" genießen.

Doch die Vertrauenskrise kam schneller als erwartet, ausgelöst durch das Massaker auf dem Tiananmen-Platz in Peking im Juni 1989. Die britische Regierung reagierte, indem sie rechtzeitig vor 1997 einen erfahrenen Politiker mit Autorität im In- und Ausland auf den Gouverneursposten entsandte. Die mit der China-Diplomatie betrauten "Mandarine" des Foreign Office in 10 Downing Street galten gegenüber Peking als zu nachgiebig.

Die Chinesen traten schon ganz als die Herren von morgen in Hongkong auf. Nach einem demütigenden Peking-Besuch hieß John Majors neue Linie: Schluß mit dem Appeasement, kein Kotau mehr vor China!