Heutzutage kommt aber auch alles mögliche abhanden. Erst der Sommer, dann die Pistole zu einer tödlichen Kugel im Mecklenburgischen, danach ein paar Männer in leitenden Positionen und nun auch noch die Alternative an sich. Es begann mit einem Witz, einer kleinen Sprachalbernheit: Jemand nannte das Stadtparlament in Frankfurt – oder war es das in Berlin? –, na, egal, jemand sprach vom Stadtparlament als dem Stattparlament. Ein Parlament also, das keines ist oder keines sein will. Zugegeben, nicht besonders brillant, der Witz. Zudem einer, den man nur versteht, wenn man ihn liest. Ein Witz also, der erklärt werden muß. Eine Spezialität hierzulande. Deutscher Humor: statt bloß zu lachen – daran arbeiten und hinterfragen. So passiert es, daß aus einem faden Witz immer noch eine Ideologie werden kann, ein Gütesiegel sogar, mit anderen Worten: voller Ernst.

Statt... wird inzwischen genannt, was sich von dem unterscheiden soll, was es dennoch ist. Der Zeitgeist mogelt mal wieder. Nehmen wir die Aktion "Statt-Auto". Etwa die Alternative zum Auto? I wo! Ein Gemeinschaftsauto, ein Auto für viele. Aus ökologischer Einsicht nicht mehr ein Auto für sich allein. Aber doch ein Auto. Oder die in Hamburg jetzt gegründete Statt-Partei, die im September zur Bürgerschaftswahl antreten will. Ihre Gründer wollen uns weismachen, daß sie eigentlich keine Partei seien. Gewählt werden wollen sie jedoch wie jede andere Partei. "Statt" in solchem Zusammenhang beansprucht die Bedeutung von "eigentlich nicht". Wiewohl der Gedanke nun natürlich naheliegt, was daraus noch alles werden kann. Denken wir bloß an Stattgurt statt Stuttgart. An die Lachschleife bei amerikanischen Fernsehserien – das Stattpublikum.

In Berlin werden zur Zeit architektonische Vorschläge für die neue Gestaltung des Zentrums gezeigt. Lustgarten und Stalinallee sind in Einklang zu bringen. Fraglos eine Herausforderung. Die Ausstellung heißt "Statt-Schloß". Kapiert? Oder muß das jetzt wieder erst erklärt werden? Es geht um alternative, also, zeitgeistlich gesprochen, sogenannte Stattentwürfe zum Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses. Das ist jetzt Stattgespräch in der Hauptstatt. Es soll wohl etwas ganz Neues entstehen, das wie das Alte aussieht. Oder umgekehrt? Die Stattväter verplanen die Stattmitte. Der Kompromiß anstatt. Und am Ende ist alles egal?

Uns aber nicht. Wir haben jetzt etwas begriffen. Beispielsweise können eine Stattguerilla und die darauf einsetzende Stattflucht das Gegenteil von sich selbst sein oder aber etwas Ähnliches vom Gegenteil des Gegenteils. Um es ganz offen zu sagen: Wir haben es hier mit dem Statt-Phänomen zu tun. Daß Kanzler Kohl so gut wie gar nicht mehr in Erscheinung tritt, obwohl er noch im Amt ist, wie wir ganz sicher wissen, ist Ausdruck eben dieses sich entwickelnden Statt-Phänomens. Das amerikanische Magazin Time hat es als weltweit verbreitetes Überlebensprinzip unter Führernaturen erkannt. "Where have all the leaders gone?" heißt es in der neuesten Ausgabe. Frei nach Marlene Dietrichs Blumenlied übersetzt: "Sag mir, wo die Führer sind? Wo sind sie gebliehieben?" Auch andere Oberhäupter scheinen abgetaucht zu sein. Stattliche, statthafte Männer wie Frankreichs Mitterrand, Englands Major, Amerikas Clinton, Indiens Rao und Deutschlands Kohl. Diese Spitzenmänner befinden sich in einem Zustand, der schwer zu beschreiben ist. Sie verharren sozusagen auf dem Wort "statt", in der Mitte zwischen zwei Möglichkeiten. Das ist die Annullierung der Alternative!

"Kenn’ ich!" mögen schlichte Gemüter jetzt vielleicht ausrufen. "Weder Fisch noch Fleisch. Nichts Halbes und nichts Ganzes." Oh, nein. Nicht doch. Nicht so banal. Hier werden aus mächtigen Führern nach innerer Einsicht Stattführer. Man könnte auch sagen Statthalter, Stellvertreter ihrer selbst. Stattmenschen eben.

Viola Roggenkamp