Von Dieter E. Zimmer

Es könnte sehr wohl sein, daß eine mißtrauische (ängstliche bis feindselige) Haltung zu den Angehörigen fremder Gruppen – nennen wir sie die X-Reaktion – zur stammesgeschichtlich angelegten Grundausstattung der Menschen gehört. So gewichtig, geradezu dramatisch diese „biologische“ These aber auch klingt – ihr Erkenntniswert ist dürftig. Es fehlt ihr, was man von einer wissenschaftlichen Hypothese erwarten muß: eine gewisse Voraussagekraft.

Ganz offenbar tritt die X-Reaktion ja in höchst unterschiedlicher Form auf; hier und da kommt sogar das genaue Gegenteil vor, eine ausgemachte Xenophilie. Unter welchen Umständen und bei welchen Personen oder Gruppen mit der X-Reaktion zu rechnen ist und welche Formen sie dann annehmen wird – das läßt die Hypothese offen, und entsprechend schweigt sie auch völlig zu der interessanten Frage, wie jene denn zu beeinflussen wären. Daß die Sozialwissenschaften sich auf eine derart vage Hypothese nicht näher einlassen mochten, ist nicht weiter verwunderlich. Und dem Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt ist nicht vorzuhalten, daß er jene These vertreten hat und zäh an ihr festhält, sondern daß er es in einem Vierteljahrhundert nicht geschafft, vielleicht noch nicht einmal für nötig gehalten hat, sie zu konkretisieren.

Doch auch ohne langwierige empirische psychologische, besonders entwicklungspsychologische Forschung sind wenigstens ein paar zusätzliche Aufschlüsse zu gewinnen, nimmt man die evolutionäre Perspektive ernst. Wenn denn die X-Reaktion zur genetischen Mitgift der Menschheit gehört, muß sie irgendwann ins Genom hineingelangt sein (und sich dort eines Tages aufspüren lassen). Und wenn sie sich im Zweiertakt der Evolution, Mutation und Selektion, im Genom verankert hat, so muß sie in den Jahrhunderttausenden, da der Mensch zum Menschen wurde, dem Fortpflanzungserfolg in irgendeiner Weise dienlich gewesen sein. Kurz, sie muß unter bestimmten Verhältnissen eine nützliche Funktion erfüllt haben. Welche könnte es gewesen sein? Und läßt sich daraus etwas über ihre heutige Beschaffenheit ableiten?

Die Paläanthropologie ist geduldig. Sie muß die Frühgeschichte der Menschheit aus so wenigen zufälligen Spuren zusammenreimen, daß große Auslegungsspielräume bleiben. Es ist ein beliebtes Gesellschaftsspiel, aus dem heutigen Zustand der Menschheit irgendeine radikale Vision über ihr wahres Wesen zu entwickeln, sich sodann in die Vorvergangenheit aufzumachen, in ihr das eine oder andere Indiz dafür aufzustöbern, daß es damals ähnlich gewesen sein muß, alle widersprechenden Indizien geflissentlich zu ignorieren, um dann aus der passend zurechtgestutzten Vorvergangenheit schlüssig abzuleiten, warum der Mensch genau zu dem Wesen werden mußte, als den die Vision ihn heute sieht. So haben wir erst (zum Beispiel von Robert Ardrey) das Bild vom Menschen als einem von allem Anfang an gewalttätigen, räuberischen und mörderischen Wesen erhalten; und dann (zum Beispiel von Jost Herbig) das Bild eines zutiefst friedlichen, kooperativen Wesens. Die Methode hat also ihre Tücken. Erkenntnisgewinn kann man sich von ihr nur versprechen, wenn man nicht schon von vornherein genau weiß, was herauskommen soll.

Mit einiger Sicherheit läßt sich sagen, welches die Lebensbedingungen waren, unter denen die Gattung Homo sich in Ostafrika entwickelt und von dort aus über die ganze Welt verbreitet hat. Gelebt hat sie vom Sammeln (Früchte, Wurzeln, Kräuter, Samen) und von der Jagd. Viehzucht und Ackerbau (die die Seßhaftigkeit mit sich brachten) sind erst an der Schwelle zur historischen Zeit aufgekommen und hatten sich selbst bis in unser Jahrhundert noch nicht völlig durchgesetzt.

Die frühen Menschen haben wahrscheinlich in kleinen, geschlossenen Sozialverbänden von fünfzig bis hundertfünfzig Personen gelebt. Jede dieser Gruppen lebte in einer menschenleeren und engen Welt; sie wußte von Nachbargruppen hinter dem nächsten Bergrücken oder Flußlauf, unterhielt einen gewissen Waren- und Heiratsverkehr mit ihnen, stritt sich mit ihnen um den Zugang zu Quellen oder anderen Ressourcen, aber darüber hinaus verlor sich die Welt im Ungewissen. Ganz andere Menschen, wirklich Fremde, bekam keiner je zu Gesicht.