Ein türkischer Schriftsteller kämpft gegen Religionseiferer

HAMBURG. – So schnell wird man jene Bilder nicht vergessen, die das türkische Fernsehen vor ein paar Tagen via Satellit auch in deutsche Wohnzimmer übertrug: ein brennendes Hotel in der mittelanatolischen Stadt Sivas, davor eine grölende Menge, die die aus dem Hotel flüchtenden Menschen mit Gewalt in die lodernde Unterkunft zurücktrieb. Die Bilanz von Brandstiftung und Belagerung: 36 Tote und mehr als sechzig Schwerverletzte. Wie durch ein Wunder befand sich der 78jährige Schriftsteller Aziz Nesin - Zielscheibe des Sturms türkischer Fundamentalisten – nicht unter den Opfern.

Die erste Reaktion manches auswärtigen Beobachters der Gewalttat: Menschenleben? Was für ein Preis für die Verbreitung eines Buches, das weder der Initiator der türkischen Übersetzung kennt – Aziz Nesin versteht kein Wort einer westlichen Sprache – noch die Menschen, die gegen eine Publikation des Buches in der Türkei gewalttätige Straßendemonstrationen anberaumen. Ist eine türkische Version von Salman Rushdies „Satanischen Versen“ diese Opfer wert?

Schnell wurde gegenüber dem greisen Säkularisten Nesin der Vorwurf der Provokation, ja der Anstiftung zum „Aufruhr“ laut. Der türkische Innenminister beschuldigte ihn, „die Würde des türkischen Volkes herausfordernd beschmutzt“ zu haben. Das türkische Volk – ein Haufen eifernder Islamisten?

Inzwischen ist in der türkischen Presse ein Mitschnitt der Rede publiziert worden, die Aziz Nesin aus Anlaß einer Gedenkfeier zu Ehren eines mystischen Freidenkers aus dem 16. Jahrhundert in dessen Geburtsort Sivas gehalten hat. In ihr werden weder Salman Rushdie noch sein Buch erwähnt. Der Autor betont dies nachdrücklich.

An einer Auseinandersetzung mit seinem Schriftstellerkollegen Rushdie ist ihm nicht im geringsten gelegen. Mit jedem seiner Worte unterstreicht; er dies.-Der gegen ihn vom Verfasser der „Satanischen Verse“ erhobene Vorwurf, er habe Rushdie als „Kanonenfutter“ für die Entfesselung eines von ihm gewünschten und provozierten Konfliktes „mißbraucht“, erscheint Nesin absurd.

In der Tat ist der jahrzehntelange Kampf, den Nesin in der Türkei gegen politischen und religiösen Obskurantismus führt – und der ihn für mehr als fünf Jahre hinter Gitter brachte –, älter als Rushdies Buch. Und die Argumente, die der Autor in dieser langen Auseinandersetzung verwendet, sind vielfältig und bedürfen wohl kaum wesentlich der Unterstützung durch einen höchst artifiziellen Roman, mit dem ein durchschnittlicher türkischer Leser – sollte die Übersetzung denn je erscheinen – vermutlich ohnehin wenig anzufangen wüßte.