Von Jochen Buchsteiner

Waidhaus

Wann kommt endlich der Arzt? Tahir hat schon dreimal gefragt. Dreimal hat der tschechische Grenzpolizist gesagt: jeden Moment. Es ist nach Mitternacht. Elhenes Handgelenk schwillt an. Die Grenzlaterne wirft ein fahles Licht auf die Stufen vor der Grenzbaracke, wo sie leise vor sich hin wimmert. Tahir bringt ihr ein Kissen – eine Plastiktüte mit zwei Pullovern, das einzige, was er aus dem Kosovo mitgenommen hat. Die beiden kennen sich erst seit heute morgen. Auf unterschiedlichen Wegen haben sie sich ins tschechische Tachov durchgeschlagen. Dort trafen sie auch die anderen: den Lejirer Sulejman, den die Serben aus politischen Gründen entlassen haben; ein paar Schüler und Studenten, die vor der Einberufung fliehen; auch ein alter Mann ist dabei – eine zufällig zusammengewürfelte Gruppe von Kosovo-Albanern, die nur eines verbindet: Sie wollen nach Deutschland.

Für vier Stunden waren sie schon da. Dann steckten die bayerischen Grenzpolizisten sie in ein Auto und fuhren sie zurück zur tschechischen Grenze. Hier sitzen sie jetzt seit neun Uhr abends und warten auf ihre Pässe.

Wie konnten sie so töricht sein und am hellichten Tag über die grüne Grenze gehen? Von Tachov aus schlugen sie sich durch den dichten Nadelwald nach Westen. Als ihr Trampelpfad in eine Lichtung mündete, wußten sie noch gar nicht, daß sie schon in Deutschland waren. Aber ein Deutscher, der sie sah, wußte, daß diese Gruppe nichts in seinem Land zu suchen hat, und verständigte unverzüglich die bayerischen Grenzpolizisten in Waidhaus, dem letzten Ort auf der deutschen Seite. Minuten später rückten sie an. Elhene geriet in Panik und rannte weg. Als einer der Beamten sie überwältigte, stürzte sie und brach sich das Handgelenk.

Nach vier Stunden hatten alle vierzehn ein Protokoll unterschrieben, in dem sie zugeben, um 17 Uhr von der Tschechischen Republik aus über die Grenze gekommen zu sein. Ohne dieses Geständnis hätten die Tschechen die Flüchtlinge nicht zurückgenommen. Außerdem gaben sie an, nach Deutschland gekommen zu sein, um zu arbeiten. Natürlich wollen sie arbeiten; vor allem aber wollen sie ihren serbischen Peinigern entkommen. Sie wollen Asyl. Doch danach fragt keiner mehr. Seit dem 1. Juli spielt es für die Grenzschützer keine Rolle mehr, aus welchem Grund jemand in die Bundesrepublik kommt. Alle Flüchtlinge werden gleich behandelt. Wer an der grünen Grenze erwischt wird, ist ein Straftäter, schuldig der "illegalen Einreise". Er wird sofort in das Land zurückgeschickt, von dem aus er die Grenze überschritten hat.

So sieht es die "Drittstaatenregelung" vor, von der sich die Befürworter des neuen Asylrechts einen spürbaren Rückgang der Asylbewerberzahlen erhoffen. Aber wie weit Wunsch und Wirklichkeit auseinanderklaffen, beschreibt Grenzpolizist Wittmann: "Wenn ich heute zehn Illegale abschiebe, dann sehe ich morgen fünf von ihnen wieder. Am übernächsten Tag sind es noch zwei. Am dritten Tag sind alle im Land." Seit Januar hat der Bundesgrenzschutz fast 43 000 Flüchtlinge an der grünen Grenze gestellt. Die meisten kamen über Polen und Tschechien. Im selben Zeitraum baten mehr als 224 000 Menschen in Deutschland um Asyl, fast alle befanden sich schon einige Zeit im Land. Einige kamen legal, mit einem Visum im Paß. Aber die meisten, haben die Grenzbeamten überlistet. "Es sind so viele", sagt Wittmann, "wir haben längst die Kontrolle verloren."