Von Christoph Dieckmann

Bischofferode

Manche sagen, ja, er wär’ ein Kasper, weil er dauernd lacht. Für meine Begriffe ist der Bernhard Vogel ehrlich. Ins Hinterstübchen kannste keinem reingucken, aber wie er gestern hier an meinem Bette stand, da hab’ ich ihm geglaubt, daß er gerne helfen möchte. Das hat ihn wohl gerührt hier, die ganzen hungernden Kumpels. Vielleicht war’s auch das Kruzifix an der Wand, er ist ja auch katholisch. Jetzt redet er gegen die Kali-Fusion, bißchen spät. Hier zeigt der Kapitalismus seine Fratzen, hat er gesagt. Machen kann er nichts. Was issn das für ’n Ministerpräsident, der bei der Wirtschaft bitte, bitte machen muß!

Aber der eine von dem Vogel seiner Mannschaft, das war ein ganz unwürdiger Mensch. Der hat zu den weinenden Frauen gesagt, ihr seid mal schön froh, ohne uns hättet ihr heute noch leere Regale. Dreh’s mal um. Die sanieren mit uns die Westwirtschaft! Ich hab’ mal in der Schule gelernt, daß Kapitalisten brutal sind. Wollt ich nicht glauben, jetzt erfahr ich’s. Pfui Deibel!

Die Planwirtschaft will keiner wiederhaben, da sind wir uns wohl einig. Da wurden die Köppe gezählt, und jeder kriegte ’ne Schippe, jetzt mal symbolisch gesprochen, also, es gab sinnlose Jobs, bloß daß jeder einen hatte. Aber da sind wir lange runter, von 1900 Leute auf 700. Und die Auftragsbücher sind voll. Frankreich, Belgien, Holland, Dänemark, Österreich, Skandinavien. Alles Westen, alles alte Kunden. Wir waren ja der DDR-Devisenbringer. Hier ist kein Ostmarkt zusammengebrochen. Das Bischofferöder Kali ist einzigartig, weil’s nicht staubt, das muß nicht erst granulieren. Jetzt wird gelogen, wir hätten keine Marktchance, wir würden sowieso verdrängt. Verdrängen sich Apfel und Birne?

Na, Mutter mach’s Nest, wir sind vielleicht die Dummen, aber nicht bekloppt. Wir liefern nämlich an die Konkurrenz von BASF. Die BASF steht hinter Kali & Salz Kassel, mit denen soll unsere Mitteldeutsche Kali fusionieren. BASF hat ein anderes Aufbereitungsverfahren als die Konkurrenz, und deshalb machense uns dicht: damit den anderen der Rohstoff fehlt. "Marktbereinigung" heißt das bei den Wessis. Die nennen noch Scheiße Gold.

Das Drama Bischofferode ist eine Lehrpartie im deutschen Vereinigungsschach, dessen Ausgang regelmäßig lautet: W. zieht und gewinnt. Ja, W. bringt bisweilen Bauernopfer, so wahr die Kali & Salz AG im Zuge der Fusion auch zwei Schächte im Westen schließt – mit vielfach längerer Anlaufzeit, mit weitaus höheren Abfindungen für die gefallenen Figuren. Am Ende des "Abschmelzungsprozesses" sollen, "optimistisch betrachtet", noch 7500 Kumpel deutsches Kali schürfen, davon 4000 im Westen. Allein in der DDR waren es früher 30 000. Was tun sie heute? Einige fanden Jobs, was im strukturschwachen Eichsfeld unter die Künste zählt. Der "Rest" verstärkt die Tausendschaften, die überall ringsum entlassen wurden. Und harrt des Großen Retters.