Es war am 29. September 1992 in Hamburg: Da wollte der zwölfjährige Slobodan L. morgens zum nahe gelegenen Supermarkt radeln. Plötzlich bemerkte der Junge einen kleinen Gegenstand, den sein Fahrrad an einer Leine hinter sich herzog. Als der Junge anhielt und das Ding aufhob, explodierte es und zerfetzte ihm die rechte Hand. Seitdem fehlen Slobodan der Mittelfinger und mehrere Fingerkuppen. Sein Nachbar Thomas B. hatte aus einem Reißzünder und einer Vogelschreckpatrone eine Höllenmaschine gebastelt und an dem Fahrrad befestigt. Nun steht der 28jährige Elektrotechniker vor dem Amtsgericht.

Der Angeklagte mit dem hageren, scharf geschnittenen Gesicht ist nervös. Wie es damals zu dem „Unglück“ kommen konnte, könne er sich heute nicht mehr erklären, der „Teufel müsse ihn geritten haben“. Schon seit Jahren habe er „so einen Fimmel mit dem Knallen“. Zu Silvester habe er immer große Mengen Knallkörper gekauft und welche fürs ganze Jahr aufgehoben. Irgendwann sei der Zeitpunkt gekommen, da habe er begonnen, eigene Zünder zu basteln und Pläne für komplizierte Sprengfallen zu zeichnen.

Dann sei er auf die Idee mit dem Fahrrad gekommen. Ein Ende des Reißzünders habe er an der Radnabe befestigt, das andere am Sattel. Die Reißschnur sollte sich aufwickeln, die Patrone vom Sattel lösen und dann zur Explosion bringen. Direkt unterm Sattel sollte der Vogelschreck nicht hochgehen, das sei ihm zu gefährlich gewesen. „Das Ding sollte nach ein paar Metern explodieren, und die Leute sollten sich erschrecken. Das war dann ja tragischerweise nicht der Fall“, sagt Thomas B. Er habe das nicht als Racheakt oder aus Ausländerhaß getan, sondern „nur aus Jux“. In der Nacht vor dem „Unglück“ habe er sich halt irgendein Fahrrad vor seinem Haus ausgesucht. Er habe gar nicht gewußt, daß es dem Nachbarsjungen gehörte, den er immer gemocht habe.

Am nächsten Morgen habe er zwar nicht die erwartete Explosion gehört, sich aber auch nicht weiter um seine Bastelei gekümmert. Am Abend sei er verhaftet worden, und da erst habe er erfahren, was sich zugetragen hatte.

Nach zehn Tagen wurde Thomas B. aus der Untersuchungshaft entlassen. Aus dem gemeinsamen Mietshaus sei er sofort ausgezogen, zu seiner Freundin. Die habe zum Glück zu ihm gehalten. Auch seine Arbeit habe er behalten. Nun will Thomas B. alles tun, um das Schicksal des Jungen zu mildern. Er habe sich sein Erbteil auszahlen lassen und Slobodan 40 000 Mark überwiesen. Von seinem Gehalt zahle er monatlich 400 Mark.

Slobodan ist als Nebenkläger gekommen. Ein runder, pausbäckiger Junge, aus seiner vernarbten Hand ragt der bizarr verformte Daumen. Während der Richter die Krankenbefunde verliest, blickt Thomas B. starr auf den Boden, beide Arme um den Oberkörper geschlungen. Auch nach mehreren Operationen bleibt die Hand verkrümmt und verstümmelt. Slobodan leidet unter Angstzuständen.

Der Junge spricht kein Deutsch, eine Dolmetscherin hilft. Seine Familie sei vor drei Jahren aus Jugoslawien geflüchtet, sagt er. Zur Schule gehe er in Hamburg nicht. Mit Thomas B. habe sich seine Familie gut verstanden, er habe ihnen den Fernseher repariert, sagt Slobodan. Ob er dem Angeklagten glaube, daß er das nicht mit Absicht gemacht habe, möchte der Richter wissen. Slobodan schüttelt den Kopf. „Nein, wie soll ich ihm das glauben?“

Thomas B. wird zu einer Strafe von einem Jahr und neun Monaten auf Bewährung verurteilt. Die 400 Mark wird er weiter zahlen. Zivilrechtliche Ansprüche und Krankenhauskosten werden auf ihn zukommen. Eindringlich macht der Richter dem jungen Mann klar, daß er dieses sehr milde Urteil nur seiner Reue und seinem Verhalten nach der Tat zu verdanken habe. Das Kind sei in seiner Entwicklung schwer geschädigt worden. Ohne Schulbildung hätte Slobodan nur die Chance gehabt, einmal von körperlicher Arbeit zu leben. Und der Fall sei besonders tragisch, weil Slobodan in Deutschland genau jener Gewalt zum Opfer fiel, vor der seine Familie aus deijugoslawischen Heimat geflohen sei. Gernot Kramper