Von Ursula Bode

Elvis zielt auf jeden. Noch ist er jung und beinahe hübsch – ein zu allem entschlossener Held, die Hand am Abzug des Colts. Wir kennen ihn. Wir haben ihn schon deshalb nicht vergessen, weil wir ihm immer wieder begegnen durften. Verdoppelt, verfremdet, überlebensgroß auf silbrigem Fond, doch unverkennbar Elvis, ist er das perfekte Idol, der Liebling aller Kunsterzieher: Inkunabel der Pop-art und amerikanische Ikone in Personalunion, immer noch zündend und zur Unsterblichkeit verurteilt, seit Andy Warhol irgendwann 1963 begann, ein Standphoto des Films „Fläming Star“ zu bearbeiten. Was in Katalogen nachzulesen ist.

Im Kino hätten wir Elvis so nie wieder getroffen. Als Andys Kult-Bild jedoch ist er von Dauer und steht nun auch in Nürnberg bereit: Ein dreißigjähriges Symbol der Alltagskultur wirbt für eine Veranstaltung, die mit Alltäglichem denkbar wenig zu tun hat. „Two Elvis“, Siebdruck auf Leinwand, 206 mal 148 Zentimeter – hier vieltausendfach auf Plakaten, Prospekten und Postkarten eingesetzt – spielen die Zugnummer für „LudwigsLust“, die Großausstellung, mit der das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg die Sammler Irene und Peter Ludwig feiert – und dazu seinen neuen Erweiterungsbau.

Möglich, daß Elvis, der Plakative, ein richtiges Signal ist. Schließlich posiert er für den wohl populärsten Bereich der Ludwigschen Erwerbungen, die amerikanische Kunst der späten fünfziger und der sechziger Jahre. Als Leitmotiv für diesen Querschnitt durch „Weltkunst“, als Spiegelung einer unüberschaubar umfangreichen Kollektion jedoch will der Popstar einem nicht gefallen. Da ist das Wort mächtiger als das Bild und der Ausstellungstitel mit seiner barocken Gebärde einleuchtender als der Pistolenmann.

Lust ist eine beflügelnde Triebkraft und „LudwigsLust“ eine schöne. Hinführung zu einem komplizierten Tatbestand: dem zur öffentlichen Existenz gewordenen Sammlerleben namens Ludwig, Irene und Peter. Über Meriten und etwaige Profite, über Strategien, Huldigungen und Verdruß ist hierzulande so oft gehandelt worden, daß der freundliche Hinweis auf sinnliches Vergnügen geradezu erholsam klingt, aufmunternd für ein großes Publikum, das sich mit dem Phänomen einer zu zweit ausgelebten Faszination gar nicht lange aufhalten will – und kann. Eine „wunderbare Geschichte“ nennt es Peter Ludwig.

Mehr als vier Jahrzehnte dauert diese Geschichte schon an. Während der Kunstbesitz wanderte, in Ost und West, durch Museen und Ausstellungshäuser, während sich Stiftungen und Leihgaben formierten, öffentliche Einrichtungen international profitierten und das Anhäufen von Kunst aller Welten und Zeiten Glück und Geschäft zugleich sein konnte, ließen die Ludwigs sich auch hin und wieder malen. Auf diese Weise Teil der eigenen Sammlung geworden, grüßen sie nun als Kunstfiguren im Museumsfoyer, weitgehend realistisch geschildert und, wie zu erwarten, auch im Bilde von Kunst und Katalogen umgeben: Motive der eigenen Existenz, im Laufe der Jahre eher unmerklich gealtert.

Entgehen kann man ihnen in der Eingangszone des gläsernen Neubaus nicht. Doch die gemalten Ludwigs zu erleben schafft Distanz, nicht Nähe, und dazu eine merkwürdige Irrealität, wie sie auch im Bericht des Sammlers zur Lage der Passion aufkommt. Von Interessen, von Zuwendung und Leidenschaft ist da die Rede, von „Brückenschlägen“ zwischen den Kulturen und von „Blickerweiterung“. Peter Ludwig informiert seine Leser detailliert, und auch er staunt, daß alles so gekommen ist.