Von Georg Blume

Tokio

Wer die japanische Provinz bereist, um den politischen Umbruch aufzuspüren und von den Hoffnungen im Volk zu erfahren, der hätte Tokio am besten gar nicht verlassen. Selbst hoch in den Bergen, wo sich die familiären und sozialen Wurzeln der tonangebenden Reformer befinden, die vielleicht morgen schon in der Hauptstadt regieren, erscheint das Leben unberührt von den politischen Turbulenzen.

So verbringt der Reisende im Städtchen Ueda, dem Heimatort des Parteineugründers Tsutomu Hata, seine Abende statt auf Wahlveranstaltungen nach Landessitte beim Bad in heißen Vulkanquellen. "Wir sind stolz auf Tsutomu Hata", loben die einheimischen Badegäste den Mann, der beste Chancen hat, Ministerpräsident zu werden. Mehr aber läßt sich in der Provinz über die Wahlen am Sonntag nicht erfragen.

Fand die Revolte in Tokio überhaupt statt? Haben sich die Wahlforscher am Ende getäuscht, die seit dem Sturz der Regierung am 18. Juni ein Ende der 38jährigen Alleinherrschaft der liberaldemokratischen Partei (LDP) voraussagen?

Nein, an der historischen Wende läßt sich nicht herumdeuten. Am kommenden Mittwoch steht der Pate der LDP, Shin Kanemaru, vor Gericht. Mit dem 79jährigen fiel auch der 73jährige Regierungschef Kiichi Miyazawa. Das Greisenregime ist damit zusammengebrochen. Allerdings vollzog sich die Ablösung der liberaldemokratischen Nachkriegsdynastie so unspektakulär, daß die Japaner, des endlosen Taktierens ihrer Politiker leid, noch immer nicht recht glauben, was vor ihren Augen geschieht.

"Auffällig durch Abwesenheit glänzt der öffentliche Zorn des Volkes", sorgt sich umständlich ein japanischer Kommentator. Nach der Wahl am Sonntag aber wird das Land eine neue Regierung haben. Eine Fortsetzung der bisherigen LDP-Alleinherrschaft wird schon durch die neu auftretenden Kandidaten verhindert.