Von Arne Fohlin

Paula Löber mußte schnell umdisponieren. Eigentlich wollte die deutsche Reiseleiterin vom türkischen Marmaris auf die anderthalb Bootsstunden entfernte griechische Insel Rhodos schippern – um eine Kollegin zu besuchen. Doch die Bekannte mußte absagen, wegen Arbeitsüberlastung. Die Kunden des deutschen Reiseunternehmens, die Paula Löber nun nicht mehr zu betreuen braucht, finden sich seit eben dieser Zeit im Nachbarland wieder. Denn für das Urlauberland Türkei gilt seit Ende des vergangenen Monats: Man spricht dort kaum noch Deutsch.

Die Spuren des Sprengstoffanschlags vom 27. Juni, bei dem im türkischen Badeort Antalya 26 Menschen verletzt wurden, sind längst verwischt. Das Restaurant, in dem während des Sprengstoffanschlags vornehmlich deutsche Urlauber Pizza aßen oder Kebab, muß nicht Konkurs anmelden. Als wäre nichts geschehen, läuft die Urlaubsmaschinerie in der Stadt an der Südküste, die pro Saison über eine Million Einwohner zählt, weiter. Fast. Während sich sonst abends die Massen durch die enge „Freßgasse“ drängen, kann man dort nun gemächlich und ohne angerempelt zu werden flanieren.

Der Anschlag zeigt Wirkung: Nicht zuletzt Überschriften wie „Ich lag in meinem Blute – Bomben auf deutsche Urlauber“ (BZ) oder „Touristen als Zielscheibe“ (Hamburger Abendblatt) trugen dazu bei, die Türkei als Urlaubsziel vorläufig zu diskreditieren.

Die Folge: Seither haben vor allem deutsche Reiseveranstalter mit einer Flut von Umbuchungen zu kämpfen. Anderthalb Millionen deutsche Urlauber hatten die Türken in diesem Sommer an ihren Küsten erwartet. Jeder sechste von ihnen hat inzwischen storniert oder ein neues Ziel gebucht, vorzugsweise das fast in Sichtweite liegende Griechenland. Spanische Sonnengrillstationen waren längst ausgebucht.

Wer für den Terror verantwortlich ist, bleibt ungeklärt. Zwar hat die kurdische Separatistenorganisation PKK schon vor Monaten erklärt, die gesamte Türkei zähle zu ihrem Kriegsgebiet, und dabei auch Anschläge auf Touristen angekündigt. Doch bekennen mochte sich die militante Gruppe bisher dazu nicht. Offenbar fiel die Resonanz auf die Sprengsätze zu negativ aus.

Die Attentäter trafen die türkische Ökonomie an ihrer empfindlichsten Stelle. Kein anderer Wirtschaftszweig boomt so sehr wie der Tourismus. Gut fünf Milliarden Mark an Devisen brachte dem Land 1992 das Geschäft mit Sonne, Sand und Meer ein, in diesem Jahr hoffte man auf eine Milliarde mehr. Mit der „weißen Industrie“ erwirtschaftet die Türkei ein Drittel ihres Exportwertes, Zuwachsraten in zweistelliger Höhe wurden durch das Geschäft mit den „schönsten Wochen des Jahres“ (Tourismus-Werbeslogan) erzielt. Kein anderes Land rund um das Mittelmeer konnte derart prosperieren.